Mittwoch, 4. März 2009

Ecstasy Project und Sing Sing Penelope – verbunden durch Interesse für Lyrisches


Rafal Gorzycki (Foto: PR/R.G.)

Auf der Suche nach dem eigenen Ausdruck, nach der Musik, mit der man sich wohl fühlt und eins ist, die aber – wie sich manchmal herausstellt – von der Außenwelt als etwas Spezielles, Unübliches, Besonderes empfunden wird: Perkussionist und Komponist Rafal Gorzycki aus Polen fühlte sich am Ende der neunziger Jahre zwar von Steve Coleman und den M-Base-Sachen oder Miles Davis angeregt, aber sein 1998 neugegründetes „Ecstasy Project“ ließ von Anbeginn weit mehr als bloß das Stapfen in den großen Fußspuren der Überamerikaner erkennen.

Schon damals verstand Gorzycki es, eine im Sound magisch-rockig wirkende Gitarre mit der aggressiven Kraft einer sirrenden Violine und seinem luftig-energischen Drumming so zu verbinden, dass man auch beim zweiten Hinhören Vorbilder nicht sofort benennen konnte; die Musik der ersten Ecstasy-Project-CD hatte, bis auf den letzten Titel „Look“, wenig von Blues und Soul, sondern viel von der Zerklüftetheit europäischer Stadtkulturen.

In veränderter Besetzung (neben Gorzycki am Schlagzeug noch der ab da als Stamm-Bassist fungierende Patryk Węcławek, der Geiger Łukasza Górewicz und der Elektroniker und Flötist Tomasz Pawlicki, Erster Flötist der Nationaloper Bydgoszcz und einer der europäischen Top-Flötisten) präsentierte das Projekt nach einer Pause von etwa fünf Jahren mit „Realium“ eine dämonisch wirkende Musik, die Penderecki-artige Klangteppiche, Minimal Music und Trip Hop mit fragil-jazzigen Perkussionsmustern verband. Vielleicht auch mitgeprägt vom Interesse, das Gorzycki mittlerweile für die Ästhetik des ECM-Labels und für europäische Kammermusik des 20. Jahrhunderts entwickelt hatte. „Ich höre seither eigentlich kaum noch Jazz, sondern so gut wie nur noch Klassik und Kammermusik, und um Inspirationen zu bekommen, sowieso nicht. Da habe ich meine eigene Sprache gefunden“, sagt Rafal Gorzycki.

Wenn auch die weltweit führende Internet-Jazzplattform Allaboutjazz diese Scheibe als wegweisend empfahl – in Deutschland wurde sie kaum wahrgenommen.

„Ich arbeitete über ein Jahr an diesem Album“, sagt Rafal Gorzycki, „und ich hatte die Absicht, eine Art von Melancholie zu beschreiben. Ich legte Visionen frei, die während meines Aufenthaltes auf dem Lande aufschienen. Das ist europäischer Jazz, wie ich ihn mag.“

Diese Musik verdeutlichte ein ausgeprägtes Faible Gorzyckis für melancholische, weit gebogte Melodien und zarte, präzise geschlagene Rhythmen. Die beiden ersten CDs gemeinsam machten aber vor allem auch klar, dass Rafal Gorzycki ein Ensemble-Mensch ist, dass er willens und in der Lage ist, sich durch ein von ihm zusammengestelltes Ensemble auszudrücken.

Diese kreative Fähigkeit nutzt Rafal seither konsequent – einerseits durch die Weiterentwicklung seines Ecstasy-Project-Konzeptes, andererseits im Rahmen seiner Arbeit mit seiner Jazzband Sing Sing Penelope. „Was beide Ensembles miteinander verbindet“, betont Gorzycki, „ist das gemeinsame Interesse an der lyrischen, romantischen Seite von Musik generell.“

Im Unterschied zum Ecstasy Project, für das ausschließlich Gorzycki komponiert und das von ihm allein geleitet wird, beteiligen sich sämtliche Mitglieder von Sing Sing Penelope an der Entstehung der Stücke und führen das Ensemble als Kollektiv. Die Gruppe gründete sich 2001; wie das Ecstasy Project handelt es sich auch hier um ein Zusammenschluss von Musikern, die eng an den Klub „Mozg“ (dt.: „Hirn“) in Bydgoszcz gebunden sind, den eine internationale Zeitschrift als einen der kreativsten Orte der letzten Jahre bezeichnet haben soll.
Auch bei Sing Sing Penelope vergingen ein paar Jahre bis zu den Aufnahmen der ersten CD („Sing Sing Penelope“, aufgenommen Mitte 2004, veröffentlicht 2005), im Mai 2006 folgte dann „Music for Umbrellas“, im Februar 2008 schließlich erschien „We remember Krzesełko“.

Die Musik auf allen drei CDs besticht durch „Luftigkeit“ im Sound, durch kollektive Improvisationen, die auf Klangflächigkeit und lyrisches Flair orientiert sind, und durch ein dynamisches, ausgeprägt melodisches Ensemblespiel, wenngleich Melodien häufig partikularisiert werden und erst aus einem Gesamteindruck heraus zur Wirkung kommen. Vor allem in die Musik der 2008-er Scheibe mischen sich häufiger elektronische Klänge, die entfernt an Trip Hop oder an sphärische Elektronikmusik mit Melancholie-Klima erinnern.

Ausgeprägt zeitgenössisch jazzig, immer wieder durchsetzt von freieren Improvisationen, wirkt die aktuelle Einspielung „Stirli People – in Jazzga“, bei der der Trompeter Andrzej Przybielski als Gast mitwirkt.
Unter polnischen Musikern gilt Przybielski als einer der größten Trompeter Europas, in Deutschlands Jazzöffentlichkeit hat er sich bisher trotz einiger Auftritte kaum einen Namen gemacht.
Älteren eingefleischten Fans aber ist er bekannt durch sein Spiel auf den 1972 erschienenen Alben „Niemen Vol. I“ und „Niemen Vol. II“. Dort bestach er – gemeinsam mit Helmut Nadolski am Bass – durch sein atmosphärisches Spiel. Andrzej Przybielski war an über dreißig auch internationalen Aufnahmen beteiligt, aber unter seinem eigenen Namen hat er bisher keine einzige Platte veröffentlicht. Mit seinem Spiel voller Schattierungen und motivischer Einfälle sowie seinen kompositorischen Beiträgen auf der aktuellen SSP-Scheibe unterstreicht Przybielski, dass eine eigene CD nach Jahrzehnten exquisiter Musikantenarbeit längst fällig wäre.

Für Sing Sing Penelope ist dieses Gemeinschaftsprojekt ein Gewinn, erhält die Band doch neue Impulse; jetzt schon wirkt die SSP-Musik lebendiger und befreiender denn je.

Unterdessen bereitet Rafal Gorzycki die Premiere eines neuen Solo-Projektes vor: „Trio Poems“. Gemeinsam mit Dawid Szczesny und Krzysztof Nowinski erschafft der polnische Ausnahmekünstler Klänge für menschliche Stimme, Electronics und Perkussion zu Dichtung des 20. Jahrhunderts.

Übrigens: Die letzten beiden CDs des Ecstasy Projects („Europae“ und „Reminiscence Europae“) zeigen verschiedene Detailaufnahmen des Viaduc de Millau, der längsten und höchsten Schrägseilbrücke der Welt in Südfrankreich. Dieses faszinierende Bauwerk befindet sich auf der A75 von Paris nach Barcelona auf dem Abschnitt von Clermont-Ferrand nach Béziers 5 km westlich der französischen Stadt Millau. Die Brücke überspannt das Tal des Tarn. - Vielleicht sagt dies mit seiner Symbolkraft etwas über Rafal Gorzyckis Kunst als „Musiker, der zwei Welten überbrückt“ aus - unabhängig von der Ästhetik, die die Fotos vermitteln mögen.

Mathias Bäumel


Viaduc de Millau (Foto: Michael Bittdorfer)

PS.: Gorzycki tritt mit Sing Sing Penelope und dem Ecstasy Project am 27. März 2009 in Dresden zu einem Doppelkonzert beim JAZZWELTEN-Festival auf.

Für alle, die von den Konzerten des Contemporary Noise Quintetts (CNQ) / Sextetts begeistert waren: Mit Tomek Glazik, Wojtek Jachna und Patryk Węcławek musizieren drei der CNQ-Mitglieder auch bei Sing Sing Penelope.

Dienstag, 3. März 2009

Pago Libres FAKE FOLK: The True Story Of Original Fake Folk Music

Pago Libre (Foto: Mark Nussbaumer/www.pagolibre.com).

Pago Libre hat ein neues Programm, dessen Deutschlandpremiere zum JAZZWELTEN-Festival am 28. März 2009 in Dresden stattfindet. John Wolf Brennan macht auf dieses Programm neugierig:

Jeder der vier Musiker von Pago Libre steht in einer musikalischen Tradition; keiner von uns jedoch kann in seiner Familie einen archaisch jodelnden Bergbauern, Original Wiener Heurigensänger, chassidischen Klezmer-Geiger oder Balalaika spielenden Kosaken vorweisen. Mit einem Wort: Um unsere volkstümliche Authentizität ist es schlecht bestellt.


Wenn uns nun aber nach unseren Anfängen in der europäischen Kunst-, Kammer-, Pop- und Jazzmusik die Faszination exotischer Volksmusiken nachhaltig geprägt hatte? Wenn uns dadurch seit vielen Jahren eine volksmusikalisch inspirierte, musikantische Spielweise so ans Herz gewachsen war? Woher sollten wir unsere Authentizität nehmen?

Kann man Authentizität imitieren? Wenn ja, ist das Ergebnis jedenfalls automatisch genau das Gegenteil von authentisch. Nein, wir mussten uns unsere Authentizität schon selbst erarbeiten!
Also schritten wir zur Erschaffung unserer individuellen Volksmusik: Anstatt die Musik unserer Vorfahren zu ergründen, betrachteten wir unsere eigene musikalische Entwicklung (ja, wir sind alt genug, um gemeinsam auf fast 190 Jahre persönliche Musikgeschichte zurückblicken zu können!); anstatt die Melodien fremder Länder aufzuzeichnen, erforschten wir die Musik der weitgehend unbekannten Völker, die seit Jahrzehnten in unseren Eingeweiden, in unseren Herzkammern und unter unseren Schädeldecken hausen.

Da die so entstandenen Musikstücke in ihrem musikantischen Zugriff und ihren zwar komplexen, aber immer tänzerischen Rhythmen nicht selten an bereits existierende Folk-Stile erinnern, darf mit einigem Recht behauptet werden, Pago Libre spiele gefälschte Volksmusik, „Fake Folk“ also. Wir sagen: Es ist unsere persönliche Originalmusik, „Original Fake Folk“ gewissermaßen!
Natürlich ist „Fake Folk“ auch „Weltmusik“, global orientiert, allen Einflüssen offen – und gleichzeitig doch auch das Gegenteil davon, nämlich kompromisslose Individual-Musik.

Und schließlich ist es eine Volksmusik, deren Volk vorerst nur aus vier Personen besteht …
Original Fake, Individual Global, Volksmusik ohne Volk: paradox ist das in jedem Fall, aber soooo schön!!

John Wolf Brennan

Konzert zu den JAZZWELTEN Dresden hier.

Montag, 2. März 2009

Ein Fahrrad macht Musik


„Es ist doch niederschmetternd“, sagt der eine zum anderen, „dass man immer wieder ausgerechnet mit dürftiger Musik finanziell erfolgreich ist... Da muss doch irgendetwas grundsätzlich schieflaufen.“ - „Naja“, murmelt der andere zur Antwort, „das kenne ich...“ ... Seine Worte versickern, er beginnt zu schweigen.

Und die Blicke schweifen in die Ferne.

Zu hören: nichts. Fast nichts. Nur ein leises, auf- und abschwellendes Zischeln der schwappenden Wellen, durchbrochen vom kaum wahrnehmbaren rhythmischen Quietschen eines Fahrrades, dessen Fahrer sich durch die Hitze des Uferweges quält.

Truffaz - von Entdeckungen keine Spur


Ich habe einen sehr guten Freund. Der pflegt, wenn die Situation passt, immer mal wieder folgende Weisheit von sich zu geben: „Die einen sagen so, die anderen sagen so...“ Das traf wohl auch auf das Konzert von Erik Truffaz am 28. Februar 2009 in Dresden zu - wirtschaftlich ein guter Erfolg für den veranstaltenden Jazzclub Neue Tonne, musikalisch grenzte der Auftritt an seelische Grausamkeit. Eine von den Harmonie-Folgen her eindimensionale, um nicht zu sagen langweilige Musik, gebaut nach immmer denselben Wiederholungsmustern, ein Schlagzeuger, der dermaßen rumpel-pumpel trommelte, dass jedwede Differenziertheit auf der Strecke blieb (wie schlimm würde es um die französische Kulturnation stehen, wenn die Internetseite salzburg.com mit ihrer Behauptung wirklich recht hätte, Philippe „Pipon“ Garcia sei „zweifelsohne“ einer der besten Drummer Frankreichs) und ein Trompetenspiel, das sich mit Sound und Aufbau der Soli auf ein entindividualisiertes Durchschnittsmaß einpegelte. - Kurz: Mitwipp-Unterhaltungsmusik im Hiphop-Gewand, von Entdeckungen keine Spur. Und genau dazu sagen die einen „Hurrah!“ und die anderen „Buuuh!“ ...

Montag, 23. Februar 2009

Rudresh Mahanthappa - ein Visionär des Jazz

Rudresh Mahanthappa. (Foto: PR)

Acht CDs, alle nahezu weltweit beachtet und teils mit Auszeichnungen geehrt, hat der 37-jährige Rudresh Mahanthappa bisher unter seinem eigenen Namen veröffentlicht, weitere neun CDs als Sideman, und in bis zu sieben Bandprojekten gleichzeitig ist er involviert. In den letzten sechs Jahren kam er immer auf vordere Plätze beim Internationalen Downbeat Kritiker-Poll „Rising Star - Alto Saxophone“ ein, im Jahre 2008 erreichte er da sogar den zweiten Platz.

Ist schon der feste Ton von Mahanthappas Altsax-Spiel beeindruckend, so besteht das Besondere seiner Kunst in der vielfältigen, immer neue Aspekte und Schattierungen umfassenden Verbindung zwischen zeitgenössischem Saxofon-Spiel und südindischer Musiktradition. Im Spannungsfeld von polymetrischer Musik in einer gleichbleibenden Tonart und Jazzimprovisationen mit anspruchsvollen harmonischen Entwicklungen über aufgelöste Metren bewegt sich Mahanthappas faszinierendes Schaffen.

Besonders die erst kürzlich hochgeehrte CD „Kinsmen“, eingespielt mit südindischen Musikern, und die CD „Apti“ der sogenannten Indo-Pak Coalition (neben Mahanthappa noch der Amerikaner Dan Weiss, Tabla, und der pakistanisch-amerikanische Gitarrist Rez Abbasi) verdeutlichen die exotisch klingende „indische“ Seite des wahnwitzigen Altsaxspiels Mahanthappas, während der Meister sich innerhalb des Trios Mauger (mit Mark Dresser, Bass, und Gerry Hemingway, Drums) am weitesten in die Richtung eines mehr linearen, hochambitionierten New Yorker Downtown-Jazz bewegt.

Weitere Veröffentlichungen zeigen, wie neugierig und forschergleich Mahanthappa die Möglichkeiten der musikalischen Zwiesprache mit seinem langjährigen künstlerischen Wegbegleiter, dem Pianisten Vijay Iyer, auslotet. Mehrere CDs unter dem Namen Iyers, eingespielt meist im Trio oder im Quartett, vermitteln bisher so nicht gekannte melodisch-rhythmische Spannungsfelder. Essenziell zeigt sich dies in der Musik der Duo-CD „Raw Materials“. „Ein faszinierender Blick in den einzigartigen musikalischen Dialog, der schon mit dem zwischen John Coltrane und McCoy Tyner verglichen wurde“, heißt es anlässlich der Neuauflage bei PI Recordings.

Was die CD „The Beautiful Enabler“ des Mauger-Trios angeht, so schreibt Clifford Allen im Internetportal „Bagatellen“, dass dieses Trio außergewöhnlich hörenswert sei, da es die Vielfalt der Möglichkeiten eines solch instrumental einfachen Trio-Zuganges aufzeige. Und einer der einflussreichsten Weblogs für zeitgenössischen Jazz schwärmt: „Und wieder ein wundervoll reiches Album, mit einer Menge musikalischer Ideen, Stimmungswechseln und kraftvoller Expressivität. Sehr empfehlenswert!“

Mahanthappa tritt am 28. März 2009 mit dem Trio Mauger zum Festival Jazzwelten 2009 in Dresden auf.

Montag, 16. Februar 2009

John Wolf Brennan: Familiäre Spuren aus halb Europa bündeln sich in seiner Biografie

Der Musiker John Wolf Brennan, auch sportlich-alpinistisch fit, auf dem Großen Mythen, Schwyz. (Foto: Rolf Bösch)

John Wolf Brennan, Pianist und Komponist, ist seit etwa drei Jahrzehnten auf der europäischen und weltweiten Jazzszene aktiv. Martin Kunzler schreibt in seinem Jazzlexikon (rororo): „In ständigem kreativem Balanceakt zwischen Improvisation und Komposition hat Brennan einen eigenständigen europäischen Beitrag geschaffen.“

Das typisch „Europäische“ in Brennans Musik hat sicher auch damit zu tun, dass in John Wolf Brennans Biografie Spuren und Einflüsse verschiedener europäischer Kulturen in seltener Weise zusammenlaufen.

John Wolf Brennan wurde 1954 in Dublin in eine Musikerfamilie geboren. Seine Mutter Una Brennan war eine professionelle, klassische Sängerin, sein Vater Hans Wolf ein begnadeter Amateurpianist.

John Wolf Brennans Urgroßvater väterlicherseits, Carl Wolf-Fischer, wurde 1863 im sächsischen Jöhstadt an der tschechischen Grenze geboren. Sein Bruder hatte einen großen Fleischerladen im böhmisch-sudetendeutschen Karlsbad, und dort sind bis heute Verwandte nachgewiesen. Carl emigrierte zuerst nach Frankreich, dann nach einem Abstecher in die USA in die Schweiz, wo er in Sils im Engadin im Hotel Edelweiss sich vom Küchenbursche bis zum Hoteldirektor emporarbeitete. Von der Hotel-Küche aus sah er täglich den Piz Albana, und weil er sich ausrechnete, dass dies a) ein schöner Name und b) der Buchstabe im damaligen Telefonverzeichnis als erster aufscheinen würde, hat er die „Villa Köhler“, ein Hotel in Weggis, in „Albana“ umgetauft, nachdem er es 1896 übernehmen konnte.

Dessen Sohn Karl Wolf (1897-1952) und sein Enkel Hans-Peter Wolf (1923-1986) – der Vater John Wolf Brennans – haben es dann weitergeführt, und Johns Bruder Peter Wolf (nicht zu verwechseln mit dem Sänger der J.Geils Band oder dem Keyboarder von Frank Zappa) führt den Betrieb seit 1990 nun in vierter Generation.

In der Verwandtschaft John Wolf Brennans gibt es nach Deutschland noch weitere und sogar nach Schweden musikalische Brücken: Der Pianist, Komponist und Liedbegleiter Karl-Ulrich Wolf (1921–1957), der mit 36 Jahren früh verstorbene Onkel John Wolf Brennans, war designierter Direktor des Konservatoriums Stockholm, vorher längere Zeit in Stuttgart tätig, und, laut Hörfunkbeiträgen aus der damaligen Zeit, einer der ersten „westlichen Musiker“, die in der damaligen Sowjetischen Besatzungszone Konzerttourneen unternahmen. Wahrscheinlich ist, dass er ab 1947 auch in Dresden und Leipzig konzertierte.

John Wolf Brennan lebt mit seiner Frau Béatrice, einer Pianistin, und ihren drei Töchtern in einem neuen Haus in Weggis. Die Familie ist weitläufig mit dem Clan jener Brennans verwandt, zu der die berühmte Esoterik-Pop-Diva Enya gehört. John und Béatrice haben sogar eine ihrer drei Töchter nach Enya benannt – er könne zwar nichts mit dem „Weichspülersound“ von seiner entfernten Verwandten Enya anfangen, aber als Mensch „ist sie ein Original“, so John.

Was man sicher für John auch annehmen darf – nur kommt bei ihm seine vielfältige, intensive und ideenreiche Musik dazu, die – so könnte man meinen – halb Europa zum Klingen bringt.

Überzeugen kann man sich davon in der näheren Zukunft zum Festival JAZZWELTEN 2009 in Dresden – dort spielt John gemeinsam mit Arkady Shilkloper am Glockenspielpavillon des Dresdner Zwingers eine Weltpremiere und er tritt mit seiner Band Pago Libre auf.
John feierte am 13. Februar 2009 seinen 55. Geburtstag. Dafür hat er sich zusammen mit seiner Familie für eine Woche in die Berge zurückgezogen.
Fast alles über John Wolf Brennan hier.

Montag, 19. Januar 2009

Dresdens Jazz-Legende Günter Hörig gestorben

Erst kürzlich, am 21. November 2008, gab Günter Hörig (l.) gemeinsam mit seinem Sohn Tobias ein Jazz-Konzert an zwei Klavieren. (Foto: Weinbergskirche Dresden-Trachenberge)

Der Jazzpianist, Komponist, Bigbandleiter und Hochschullehrer Günter Hörig ist tot. Er verstarb knapp 82-jährig am 17. Januar 2009. Mit Professor Günter Hörig verliert die deutsche Jazzszene einen ihrer profundesten Protagonisten der ersten Stunde, einen der fähigsten Jazzpädagogen und den wichtigsten Aktivisten für die Etablierung einer Nachkriegsjazzszene in Dresden.

Kaum ein Musiker hat in dem solchen Ausmaß wie Günter Hörig die Entwicklung des modernen Nachkriegsjazz in der DDR geprägt. Bereits 1947 hatte Hörig ein blutjunges Jazzsextett, als der Pianist 1952 die 1946 von Joe Dixie gegründeten Tanzsinfoniker übernahm, gab er damit gleichzeitig gemeinsam mit Gesinnungs- und Orchestergenossen den Startschuss für eine in jenen Jahren stilbildende Art des Jazzmusizierens in der DDR: Gespielt und in gewissem Maße somit auch propagiert wurden – damals zu Recht viel umjubelt, aber teils von den Kulturpolitikern beargwöhnt oder gar staatlichen Repressalien ausgesetzt – Swing und einige Jahre später auch gemäßigte Moderne in einem hochartifiziellen, konzertant anmutenden Gewand.

Günter Hörig begründete 1962 gemeinsam mit einigen „seiner“ Tanzsinfoniker und weiteren Mitstreitern an der Dresdner Musikhochschule die Fachrichtung Tanz- und Unterhaltungsmusik, aus der die heutige Fachabteilung Jazz, Rock, Pop hervorging. Das war deutschlandweit die erste Einrichtung, an der eine Vollausbildung Jazz, Rock, Pop mit Diplomabschluss angeboten wurde. Professor Rainer Lischka, Komponist, Musiktheoretiker, Arrangeur und selbst dem Jazz zugeneigt, betonte in seinem Rückblick anlässlich der offiziellen Verabschiedung auch Hörigs aus dem Lehrerteam der Musikhochschule vor zwei Jahren: „Akademische Erfahrungen fehlten damals gänzlich, so dass die Unterrichtsgestaltung, Lehrpläne und die dazugehörigen Stundentafeln erst entwickelt werden mussten. Das alles wurde mit viel Elan, Phantasie und Durchsetzungsvermögen geschafft. Dass dabei der Jazz immer an vorderster Stelle stand, ist vor allem Günter Hörigs Persönlichkeit und Autorität zu danken.“

Da Günter Hörig von Anfang an, zunächst als Student, dann als Lehrer, mit „seiner“ Dresdner Musikhochschule verbunden war, gingen Musikanten- und Lehrerleben Hand in Hand – für viele seiner Studenten eine glückliche Fügung. Auch als sich ab der Mitte der sechziger, Anfang der siebziger Jahre in der DDR das Spektrum der Stile und Spielauffassungen durch die Herausbildung von Freejazz und Jazzrock Schritt für Schritt zu verbreitern begann, stand Hörig unbeirrbar für den Grundsatz „Handwerk hat goldenen Boden“ – ein Prinzip, für das besonders Dresden und seine Musikhochschule bekannt wurde.

Wenn - um im Bereich des Jazz zu bleiben - zwei der wichtigsten Innovatoren des freien europäischen Jazz, Baby Sommer und Conny Bauer, ihr „Handwerk“ in den sechziger Jahren in Günter Hörigs Tanzmusikabteilung der Dresdner Hochschule erlernten, spricht dies für den Nestor des Dresdner Swingpianos und seine Kollegen.

Günter Baby Sommer: „Für mich ist mit dem Tode von Günter Hörig die für den frühen Dresdner Jazz wichtigste Person gegangen. Günter Hörig hatte sich nicht erst mit dem Aufbau und seinem Wirken an der Abteilung Tanz- und Unterhaltungsmusik der Dresdner Musikhochschule große Verdienste erworben, sondern schon in den fünfziger Jahren, als er entscheidend als freischaffender Jazzer zur Herausbildung einer Dresdner Jazzszene beitrug.“ Auch wenn, so Sommer weiter, Günter Hörig auf anderen stilistischen Gebieten als Sommer selbst unterwegs war, könne man nicht genug die innovatorische Leistung Hörigs der damaligen Zeit herausstreichen.

Stets fühlte sich Günter Hörig auch bis ins Alter hinein inmitten seiner Studenten – und zunehmend Absolventen – wohl, und denen machte es Spaß, mit dem Meister zu musizieren. Noch in den letzten Jahren standen Jüngere gemeinsam mit Günter Hörig auf Dresdner Bühnen und brachten Zuhörer „zum Kochen“. Immerhin: Das Dresdner Publikum wertschätzte, was Günter Hörig, der als Komponist nicht nur Jazz-Concertos, sondern auch Bühnen- und Filmmusiken geschaffen hat, mit einigen seiner ehemaligen Schüler an swingendem Modern-Bop-Feuerwerk so drauf hatte.

Günter Hörig hatte einst, Ende der vierziger, Anfang der fünfziger Jahre, persönlich erlebt, wie mit dem Orchester Heinz Kretzschmar eine Jazzband aus (pseudo-) politischen Gründen de facto aufgelöst wurde. Dass es ihm - sowohl als Hochschullehrer als auch als Orchesterleiter - in all den Jahren immer gelungen ist, „seinen“ Jazz in Dresden vor Anfechtungen zu schützen, ist sicher auch eines seiner Verdienste. Wenn Studenten heute John Coltrane, Peter Brötzmann, Thelonius Monk oder Cecil Taylor üben und Schlagzeug-Professor Baby Sommer weltweit zu den renommiertesten Perkussionisten zählt, sollte man auch an diese Art „Vorleistung“ Hörigs denken.

Mathias Bäumel