Donnerstag, 8. Januar 2009

Mit Fermáta ist die weniger bekannte, aber beste Band des früheren „Ostens“ wieder aktiv

Fermáta heute und in den endziebziger Jahren. (Foto: www.fermata.sk)

Mit Fermáta ist die nicht allzu vielen Fans bekannte, dessen ungeachtet aber beste Progressiv-Rock-Jazz-Band des früheren „Ostens“ seit einigen Jahren wieder aktiv. Gemeinsam mit dem mystischen, in seiner künstlerischen Eindringlichkeit weltweit unerreichten Czeslaw Niemen aus Polen und den schmissigen, weit ausholende Melodien, deftige Gitarrenriffs und die große Rock-Show-Gestik liebenden ungarischen Omega bildete die slowakische Band Fermáta mit ihrer kompositorischen, jazznahen Feinsinnigkeit, den rockjazzig-gitarristischen Qualitäten und ihrem künstlerischen Konzept, das sich Jahrzehnte dem herkömmlichen Rock-, Pop- und Jazzmarkt verweigerte, die große Dreiheit der Rockmusik hinter dem einstigen „eisernen Vorhang“.

Die seit 1973 existierende Band aus Bratislava war von Anfang ein Sammelbecken slowakischer Top-Rockmusiker. Chef und Gitarrist František Griglák kam von Pavol Hammels Band „Prudy“, der allerersten slowakischen Pop-Rock-Band überhaupt (Hit „Abrakadabra“), zu der auch Fedor Frešo, später dann Fermáta-Bassist, gehörte. Nachdem Griglák von 1971 bis 1972 mit seinem E-Gitarrenspiel den anfangs eher hausbacken-possierlichen Klassikrock-Sound von Collegium Musicum mit Spannung und Dynamik versehen hatte (er spielte Gitarre auf dem berühmten weiß-blauen Doppelalbum „Konvergencie“, auf dem auch Fedor Frešo mitgewirkt hatte) , gründete er 1973 gemeinsam mit Tomaš Berka seine Gruppe Fermáta. Frešo, bis Ende der siebziger Jahre der Standardbassist von Collegium Musicum, stieß dann 1980 dazu.

Griglák erinnert sich: „Ich verließ Collegium Musicum, weil meine Vorstellung von Musik sich von den Vorstellungen in der Band unterschieden, außerdem konnte ich mich mit meinen künstlerischen Ansprüchen gegen einen solch dominanten Solisten wie Marián Varga, den Chef und Keyboarder von Collegium Musicum, nicht durchsetzen.“ Und das wollte Griglák auf jeden Fall, denn sein musikalischer Horizont war viel weiter als der von Varga und nicht nur auf die bombastrockige Umsetzung von Barock- und Romantik-Mustern orientiert. „Fermata“ heißt Griglák zufolge „Bus- oder Straßenbahnhaltestelle“ auf italienisch, und im Hinblick auf den Bandnamen bedeute es „Stopp, wenn man mir als Musiker übel nachredet – bis hierher und nicht weiter! – Fermáta!“ Griglák, der sich damit offenbar auf die Verhältnisse innerhalb der Band Collegium Musicum bezog, machte ab da sein eigenes Ding!

Die Band hatte 1975 ein vielbeachtetes Debütalbum („Fermáta“), das Einflüsse von King Crimson und John MacLaughlin ebenso erkennen ließ wie eine Vorliebe für konzeptionell gestaltete Alben, eine Tendenz, die mit den darauf folgenden LPs noch viel deutlicher wurde. Entdecker, die sie selber waren und sind, machten die Musiker um Griglák und Berka Entdeckerisches zum thematischen Mittelpunkt ihrer Konzeptalben. Ent-Deckungen, also das Sicht-, Nutz-, Urbar- und Heimischmachen von bisher unbekannten Gefilden als musikkonzeptionelles Prinzip – das machte von Anfang an Fermáta zu etwas Besonderem.

Das zweite Album („Piesen z Hôl'“, 1976) unternimmt symbolisch und musikalisch Reisen durch slowakische Natur- und Brauchtumslandschaften, streunt durch einsame Täler und über letztmalig abgehaltene Märkte, besucht eine Hochzeit auf einer Bärenwiese und lauscht den klingenden Glocken des Städtchens Zvolen – alles selbstverständlich im harten Rockgewand, mit volksmusikantischen Elementen, die wie ferne Erinnerungen aufklingen, und jazzigen Improvisationen auf Top-Niveau.

Insbesondere mit ihrem dritten Album – „Huascaran“ (1977) – erreichte Fermáta einen Kultstatus wie kaum jemals eine weitere Band der früheren ČSSR. Die Band – seit jener Zeit im Volksmund als „Mahavishnu Orchestra des Ostens“ bezeichnet – brillierte mit einer ganz eigenen Stilistik, die man mit Begriffen wie Progressive Rock, Hard Rock und Jazz-Rock, aufgemischt und durchdrungen mit den melodisch-motivischen Essenzen slowakischer Folklore, umreißen könnte. Spätestens von dieser Platte an hatte Fermáta nicht nur ihre eigene Ursprungsband Collegium Musicum, sondern überhaupt sämtliche Art- und Prog-Rockbands inklusive Emerson, Lake and Palmer künstlerisch weit hinter sich gelassen! Allerdings – typisches Schicksal – von der westeuropäischen Öffentlichkeit völlig unbeachtet... »Huascaran« war eine außerordentlich beeindruckende Platte, voller Rockwucht und weit ausgreifender Melodien... Gewidmet ist das Werk einer tschechoslowakischen Hochgebirgsexpedition, die am 31. Mai 1970 am peruanischen Huascaran, dem mit 6768 Metern vierthöchsten Berg Südamerikas, tragisch endete: die 15-köpfige Bergsteigermannschaft wurde bei einem Bergsturz unter meterhohen Geröllmassen begraben. Entdecker-Thematik – diesmal tragisch.

Ent-Deckungen historischer Art bilden den thematischen Rahmen der LP „Dunajská Legenda“ (1980): Hier stehen mit Wlkina, Chotemir, Witemir, Unzat und weiteren jene altslawische Fürsten aus dem 9. Jahrhundert im Mittelpunkt, die wichtig für die Christianisierung des Gebietes zwischen dem Plattensee und der heutigen Slowakei vor der Landnahme durch die Ungarn waren – jedem dieser Ur-Slawen ist eine Komposition gewidmet, wobei das Gesamtwerk durch große stilistische Vielfalt besticht: von energetischem Jazzrock mit faszinierenden E-Gitarren-Improvisationen über lyrische, neo-romantische Passagen bis zu deftigem, intelligenten Funk und Art Rock ist alles dabei.

Um geografisch größere Zusammenhänge geht es auf der fünften Fermáta-LP „Biela Planéta“ (1980). Der weiße (nicht etwa blaue) Planet stellt die Erde als einen Ort dar, der noch unentdeckt und unerforscht ist („weiße Flecken“), die zupackende, abwechslungsreiche, teils songartige, immer mit faszinierenden Gitarren-Soli durchwirkte Musik ist denjenigen gewidmet, die in früheren Zeiten entscheidend mitgeholfen haben, aus dem weißen Planeten das zu machen, was er heute ist: unsere Erde. Es geht um die großen Entdecker James Cook, Vasco da Gama, Christoph Kolumbus, Ferdinand Magellan, David Livingstone und weitere.

Anfang der 80-er Jahre zeichneten sich Veränderungen ab. Griglák: „Wir fühlten uns damals unter Druck, weil unsere Musik für normale Hörer zu anspruchsvoll war.“ Mit der LP „Generation“ (1981) deuteten sich Veränderungen in Richtung Pop an – trotz des auf dieser Platte enthaltenen grandiosen Titels „Viňa Del Mar“, den die Band auch heute immer noch mit Erfolg spielt. Griglák weiter: „Von Anfang an sind wir in der Öffentlichkeit – nicht vom harten Kern unserer Fans – dafür kritisiert worden, dass wir nur instrumentale Stücke spielen.“ So wollte die Band damals etwas für sie Neues ausprobieren und spielte nun ein Album ein, das nach dem Allerweltsmuster „Rockgruppe inklusive poppiger Rockgesang“ gestrickt war – „ad libitum“ (1984), dessen Veröffentlichung František Griglák im Nachhinein für einen Fehler hält. Auch die folgenden Alben bis in die Mitte der 90-er Jahre hinein („Simile...“, 1991; und „Real Time“, 1994) konnten nicht die Qualität der früheren Fermáta-Werke halten.

Erst „X“ (1999), das 10. Album der Bandgeschichte, weckte wieder Hoffnungen, dass die Band an alte künstlerische Größe wieder anknüpfen könnte.
Schon seit Beginn der 80-er Jahre hatte es etliche Besetzungswechsel bei Fermáta gegeben, über einige Jahre existierte die Band quasi nicht. Einige neue Versuche, zu Beginn und zum Ende der 90er Jahre, scheiterten relativ schnell.

Eine Art Neustart fand 2005 mit dem Album „Next“ (2005) statt. Als CD-Autor ist „Fero Griglák & Fermáta“ angegeben, was die besondere Rolle des Supergitarristen und Komponisten herausstreicht, obwohl für das Wiederaufleben der Band Ur-Mitglied, Bassist und Manager Fedor Frešo organisatorisch eine entscheidende Rolle spielte.
Und seit Herbst 2007 ist Fermáta auch auf den Bühnen der Slowakei und Tschechiens wieder zurück. In der Besetzung František Griglák (g, prog), Peter Preložnik (keys), Fedor Frešo (b, b-ped) und Igor Skovay (dr) gab die Band am 14. Oktober 2007 im Zrkadlom-Club in Bratislava, Slowakei, ein vielumjubeltes Konzert, das nun seit einigen Monaten auf CD und DVD (übrigens als erstes Live-Album in der mittlerweile über 35-jährigen Bandgeschichte) vorliegt („Fermáta Live v Klube za zrkadlom“).

Hervor sticht der Titel „For Huascaran“, eine Essenz des 39-minütigen Konzeptalbums aus dem Jahr 1977. Im Anschluss folgen alte und neuere Stücke. Fermáta klingt heute nicht mehr wie 1975. Der Anteil sinfonischer Strukturen ist gegenüber Jazzrock oder Jazz-Fusion, der mal heftiger, mal leichter und luftiger sein kann, in den Hintergrund getreten. Die Band klingt für heutige Ohren im Sound mehr wie eine harte Rockband mit 80-er-Synthi-Touch, hinsichtlich der musikalischen Strukturen aber ziemlich jazznah. František Griglák ist als Gitarrist ungemein souverän, seine stilistischen Fertigkeiten und handwerklichen Mittel sind grandios, er kann Jazz, Rock und Jazzrock locker, sanft und hart spielen, hat ein Faible für ausgedehnte, flüssig gespielte, harmonisch abwechslungsreiche Soli.
Das neuere Material ist etwas melancholischer, lyrischer, der Jazzrock hat manchmal einen Latino-Einschlag, die heutige Fermáta-Band spielt die Songs nicht, wie sie auf den originalen Alben enthalten sind. Auf der Bühne fließen lange, expressive Soli und Improvisationen ein, ohne dass die Stücke dabei überaus lang würden. Von den späteren Stücken überzeugt gerade im Live-Konzert das grandiose Griglák-Stück „Viňa del Mar“, dessen Live-Zelebrierung zum Erlebnis wird. Die einzige und erste Fremdkomposition in der Geschichte Fermátas, die die vier im Konzertprogramm haben und die auf der 2007-er Live-CD enthalten ist, stammt aus der Feder Dežo Ursinys, von dessen grandiosem 1972-er Album „Provisorium“: „Apple Tree in Winter“. Das Stück spielt Fermáta in Gedenken an den 1995 verstorbenen Doyen der slowakischen Rockmusik, mit dem einst Fedor Frešo von 1967 bis 1968 in der Band The Soulmen gemeinsam gespielt hatte. Was im 1972-er Original bei Ursiny selbst ein zerbrechlich klingender, fein ziselierter, kammermusikartig gebauter Rocksong mit Beatles-Anklängen und Robert-Wyatt-Touch ist, wird heute bei Fermáta in völlig anderem Arrangement und strukturell verändert zu einem Hohelied auf kraftvoll-melodischen Gitarrenjazzrock.

Mathias Bäumel
(Dank an Volkmar Mantei)

PS.: Deutschlandpremiere! Fermáta gibt am Donnerstag, den 26. März 2009, in Dresden ein Konzert im Dresdner Universitätsklinikum. Es ist das allererste Fermáta-Konzert in Deutschland überhaupt, auch in der DDR konnte die Band nie auftreten.

Achtung: Am 11. Oktober 2012 ist diese Aussage hier korrigiert worden!

Montag, 22. Dezember 2008

Kommt, Ihr G’spielen: Das Zentralquartett kam nach Dresden - und spielte wie der Teufel!

Das Zentralquartett am 20. Dezember 2008 in der „Tonne“ Dresden. (Foto: Matthias Creutziger)

Einen rekordverdächtigen Besucherandrang bescherte der Auftritt des Zentralquartetts am 20. Dezember 2008 dem Jazzclub Neue Tonne Dresden. Die äußerst agilen vier nun schon etwas älteren Herren brillierten mit einem atemberaubenden Zusammenspiel, mit begeisternder musikantischer Souveränität und dem großen Atem der Jazzgeschichte. Mit diesem denkwürdigen Konzert krönte das Quartett, das 1973 als „Synopsis“ zum Jazz Jamboree in Warschau ganz Jazz-Europa aufhorchen ließ, das Konzertprogramm der „Tonne“ des Jahres 2008. Im Zentrum des musikalischen Geschehens befanden sich auch diesmal jene Melodien der deutschen Volksmusik, die von Uli Gumpert und seinen Workshopbands, von Synopsis und dem Zentralquartett im Laufe der letzten 35...40 Jahre dem muffig-stinkigen Sumpf falscher Ideologien entrissen und durch frisch-freejazzige Interpretationen als musikkulturelle Schätze erkennbar gemacht wurden.

Freitag, 5. Dezember 2008

Von der Sprengung der normativen Jazzästhetik

Vor 35 Jahren begeisterte Synopsis in Warschau die europäische Jazz-Szene


Das Zentralquartett 1994. (Foto: Matthias Creutziger)

Ein Jubiläum steht an. Und zwar eines, das auf das vielleicht folgenreichste Konzert verweist, das eine DDR-Jazz-Band je gegeben hatte. Vor 35 Jahren, im Oktober 1973, gab die Ostberliner Band Synopsis ein Konzert im Rahmen des Festivals Jazz Jamboree in Warschau.

Die Ur-Besetzung von "Synopsis" - anfangs noch als Ulrich Gumpert Quartett firmierend - bestand aus der Rhythmusgruppe der damaligen Kultband SOK. Mitglieder waren Günter Baby Sommer (Drums), Gert Lübke (Bassgitarre), Günter Dobrowolski (Gitarre), und Ulrich Gumpert (E-Piano).

Dieses Quartett spielte um 1972 herum einige Konzerte und es nahm während eines Konzertes in der "Großen Melodie" am 11. September 1972 einige eigene Titel auf, gemeinsam mit Ernst-Ludwig "Luten" Petrowsky.

Mit diesem Band bewarben sich Uli Gumpert und Baby Sommer im Oktober 1972 in Warschau beim Jazz Jamboree für 1973. "Eigentlich", so Baby Sommer heute verschmitzt, "dachte ich zuerst und vor allem an Willis Conover, den in Warschau ich zu treffen hoffte." Conover war verantwortlicher Moderator der auch im Ausland sehr populären Voice of America Jazz Hour bzw. Music USA des US-Rundfunksenders "Voice of America". Conover war zwar in den USA kaum bekannt, dafür aber eine sehr einflussreiche und bekannte Persönlichkeit in Osteuropa. Sommer damals zu Gumpert: "Im Radioprogramm von Voice of America gespielt zu werden, das wäre doch was!" Doch Gumpert bremste etwas und meinte, ein Auftritt beim Jazz Jamboree in Warschau sei schon viel - und übergab das Band dem Festivalveranstalter. Und tatsächlich: Synopsis wurde für 1973 eingeladen!

In den Monaten darauf veränderte sich aber die Besetzung von Synopsis. Gert Lübke und Günter Dobrowolski schieden aus. "Sie konnten dem Drängen nach freieren Spielweisen von Uli und mir nicht folgen, die beiden waren eher auf Muggen zum Geldverdienen orientiert, wir dagegen wollten radikalere und eigene improvisierte Musik machen", erinnert sich nach etwa 35 Jahren Baby Sommer. Gert Lübke sieht das im September 2008 ähnlich. "Ich hatte acht Personen zu ernähren, und mit diesem Jazz konnte man nicht gerade Geld verdienen... So hatte ich mich um weitere Verdienstmöglichkeiten gekümmert, hatte viel im Rundfunk zu tun, auch bei Jo Kurzweg, so dass ich bei Synopsis nicht mehr mitmachen konnte." Schließlich gingen Lübke und Dobrowolski ganz zum Orchester Jo Kurzweg (dem Orchester des DDR-Fernsehens), das auch viele erfolgreiche Amiga-LPs herausgab, und Conny Bauer sowie "Luten" Petrowsky stiegen stattdessen bei Synopsis ein. - Die sogenannte Originalbesetzung von Synopsis (was ja, genau genommen, nicht stimmt) war geboren.

Logisch, dass die Veranstalter des Jazz Jamboree-Festivals 1973 zunächst sehr skeptisch waren, denn sie waren überrascht nicht nur von der aktuellen, sich von den Bewerbungsunterlagen unterscheidenden Besetzung - Conny Bauer, Posaune; Uli Gumpert, Piano; Ernst-Ludwig Petrowsky, Altsax; Baby Sommer, Drums -, sondern auch vom radikalen Freejazz der Gruppe, mit dem die Polen keinesfalls gerechnet hatten.

Das Publikum, zu dem auch viele aus aller Herren Länder angereiste Jazzfans gehörten, aber feierte das ostdeutsche Quartett frenetisch. Die Konsequenzen: die internationale Jazz-Welt, für die das Warschauer Jazz Jamboree stets eine Bühne für Jazz aus realsozialistischen Ländern war (und für die Musiker von da immer auch ein Sprungbrett in die internationale Bedeutsamkeit), schaute plötzlich auf die Freejazzer aus der DDR, anerkannte schrittweise deren Bemühen, freie Improvisationen mit den hiesigen, deutschen Volksmusiktraditionen zu verbinden und nahm auf diese Weise den europäischen Freien Jazz insgesamt mehr in den Blick.
Es kam für Synopsis zu Einladungen, zur Zusammenarbeit mit westeuropäischen Spitzenmusikern und zu immer mehr internationalen Auftritten der Synopsis-Musiker. Vor allem befruchtete dieser "Urknall" die Herausbildung einer spezifisch europäischen Improvisationsmusik und ermöglichte eine immer intensiver werdende Kooperation mit westdeutschen Kollegen.
Dieser wirklich "bahnbrechend" zu nennende Erfolg von Synopsis im Herbst 1973 führte auch dazu, dass die offizielle DDR-Kulturpolitik den Freejazz im eigenen Land als international anerkannt wahrnehmen und ihre eigenen Auffassungen zu Gut und Schlecht in der Musik revidieren musste. Synopsis 1973 in Warschau - das initiierte nicht mehr und nicht weniger als einen Paradigmenwechsel in der DDR-, ja: gesamtdeutschen, vielleicht sogar europäischen Jazzkultur.

Wie so häufig im Bereich der DDR-Jazz- und Rockmusik: der Rundfunk der DDR reagierte schneller als die Schallplatte. Schon am 5. und 6. März 1974 nahm Synopsis im Rundfunk-Studio fünf Titel auf, die archiviert und teils gesendet wurden. Doch der Erfolg rief auch Amiga auf den Plan - diesmal schnell: Das Quartett nahm im Studio des DDR-Schallplattenlabels am 22. und 23. April sechs Stücke auf, die noch 1974 auf der ersten Synopsis-LP erschienen.
Free Music Production (FMP) in Westberlin kaufte die fünf Aufnahmen des Rundfunks der DDR und veröffentlichte sie - ebenfalls noch 1974 - als LP mit dem Titel "Auf der Elbe schwimmt ein rosa Krokodil".
1975 verließ Conny Bauer die Band, um seine eigene Gruppe FEZ zu gründen (mit Hannes Zerbe, p; Joe Sachse, g; Christoph Niemann, b; Peter Gröning, dr), ersetzt wurde er bei Synopsis durch den Bassisten Klaus Koch.
Dieses Quartett konnte ein 1977 in Mittweida stattfindendes Konzert mitschneiden, das erst 1996 durch das Engagement von Uli Gumpert und den FMP-Leuten auf dem Privat-Label Syn als CD "Synopsis'77 - Live in Mittweida" herauskam.
Um 1978 löste sich die Band zunächst auf - zu viele verschiedene Projekte, Angebote und Tourneen wollten bewältigt sein...

Erst 1984 kam es zu einer Wiedergründung - auf Initiative Baby Sommers anlässlich einer Konzertreihe in Paris, diesmal jedoch unter dem Namen "Zentralquartett". Die für das französische Label "nato" eingespielte LP "Ascenseur Pour Le 28" (nato 329) firmiert auf dem Cover als "Günter Sommer et trois vieux amis", was die treibende Rolle Sommers für das Quartett nur unterstreicht.
Unmittelbar nach der Wende erschien auf dem Amiga-Nachfolger Zong die nächste LP (die erste unter diesem neuen Namen), die später - ebenso wie das "Rosa Krokodil" - auf dem schweizerischen Intakt-Label als CD wiederveröffentlicht wurde. Seither legte die "Viererbande" bis in die Gegenwart auf Intakt Records noch drei weitere CDs vor: "Plié", "Careless Love" und "11 Songs - Aus Teutschen Landen".

Bert Noglik stellte vor fünf Jahren, zum dreißigsten Geburtstag der Band, fest: "Von ‚Synopsis´ zum ‚Zentralquartett´: der Zusammenschluss von vier Individualisten zu einer musikalisch-konspirativen Vereinigung, Initialzündung und Assoziationskette: Mutig wurde eine normative Jazzästhetik aufgesprengt, das Panorama des freien Spiels ausgeschritten und das vermeintliche Vakuum mit gestaltbildender Kraft ausgefüllt." Dies gilt heute immer noch. Und Noglik weiter: "Diese Band kündete von einem neuen Selbstbewusstsein, das gewissermaßen in ständiger Reibung mit der Enge der Verhältnisse, der Behauptung gegenüber Bevormundung, im Austausch mit der internationalen improvisierten Musik und in Tuchfühlung mit der heimischen Zuhörerschaft gewachsen war."
Das dies auch heute noch zu spüren und dass eine solche Musik gerade auch heute wieder nötig ist - davon kann sich jeder Musikfreund am 20. Dezember 2008 zum Zentralquartett-Konzert im Jazzclub Neue Tonne Dresden überzeugen.

Nachbemerkung zur Geschichte:
Lübke und Dobrowolski spielten zunächst weiterhin auch bei SOK, schließlich gingen beide nach der Auflösung von SOK 1975 ganz zum Orchester Jo Kurzweg.

Günter Dobrowolski - 1968 gemeinsam mit anderen Gründungsmitglied des Modern Septetts Berlin, später Modern Soul - bekam schon bei Jo Kurzweg Probleme mit seinem eigenen Tabletten- und Alkohol-Konsum, schließlich flog er dort aus der Band und hatte es - obwohl ein guter Gitarrist - immer schwerer, Arbeit zu finden. Vor einigen Jahren nahm sich Günter Dobrowolksi das Leben.


Der mittlerweile über 70 Jahre alte Gert Lübke arbeitet vor allem in und um Berlin immer noch als Bassist und Bassgitarrist in verschiedenen Bands, darunter regelmäßig bei Acki Hoffmann & Friends im Berliner Jazz- und Bluesschuppen "Yorckschlösschen". Was jedoch nicht ausschließt, dass Lübkes Name auch immer wieder bei größeren Formationen wie der Jazz Bigband Berlin und der Swing Collection Berlin auftaucht. "Ich bin froh, dass ich gesundheitlich gesehen noch ganz gut dabei bin, noch spielen kann", so Lübke am Telefon. Er sei eben ein "Telefonmusiker", der heute von diesem, morgen von jenem angerufen werde, wenn ein versierter Bassist gebraucht wird.

Freitag, 28. November 2008

Zum Nikolaus brennt in der „Tonne“ nicht die Zeitung, aber die Luft

Am 6. Dezember 2008 konzertiert das Contemporary Noise Sextet in der Dresdner „Tonne“













Das nächste Festival JAZZWELTEN des Jazzclubs Neue Tonne Dresden wirft seine Schatten voraus - es wird vom 20. bis 28. März 2009 stattfinden, die Arbeiten am Programm sind fast abgeschlossen. Ab etwa Januar steht das Programm dann auf der „Tonne“-Internetseite.

Aber schon jetzt wird der Dresdner Jazzclub mit einem ersten Auftakt-Konzert auf die JAZZWELTEN 2009 aufmerksam machen.

Dafür hat er eine wirkliche „Überflieger-Band“ eingeladen, deren Konzert am 6. Dezember 2008 (21 Uhr) auf das verweist, worum es bei den JAZZWELTEN 2009 gehen wird:
Das CONTEMPORARY NOISE SEXTET bietet Jazz -- so kräftig, wild und charmant wie Filmmusik, Klänge im Spannungsfeld zwischen Druck und Poesie, Wucht und Finesse! Eine Hammer-Band!



Donnerstag, 30. Oktober 2008

Blick in die Zukunft des Jazz – Das Contemporary Noise Sextet aus Polen

Am 6. Dezember 2008 findet das Auftaktkonzert für das Festival JAZZWELTEN 2009 »Spannungsfelder« statt



(Contemporary Noise - noch als Quintet; Foto: Szulc)

Am Anfang waren sie fünf. Als Contemporary Noise Quintet setzten die wagemutigen jungen Polen mit der Premieren-CD „Pig inside the Gentleman“ jenen poetischen Weg fort, der in den sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts von solchen Jazz-Klassikern wie Krzysztof Komeda und Andrzej Kurylewicz eröffnet und beschritten wurde. Ein kräftiger und wilder Sound und dabei gleichzeitig mit erhebenden und inspirierenden Themen, die das Flair von Filmmusik schaffen. Das Contemporary Noise Quintet sei nicht das, was der Name impliziere, schrieb vor zwei jahren die Jazz-Internetplattform AllAboutJazz. »Die Jungs spielen Jazz in der Art und Weise, wie gerade sie es für richtig halten. Und das bedeutet, ihn mit vielen Ausdrucks- und Spielweisen anzureichern.« Und das tun sie mit viel Finesse, mit unvergleichlichem Geschick und einem großen Sinn für Humor. Die Musik dieser Gruppe ist eine interessante Mischung von Jazz, Filmmusik und freier Improvisation. Sie ist auch echt „noise“: ein lauter und mutiger Balanceakt zwischen Melancholie, Geheimnis und lebendigem Rocksound. Das Ineinanderfließen von Klängen verschiedener Instrumente kreiert einen so energetischen Groove, dass es einem schwindlig werden kann. – Jazz von heute!
Seit wenigen Monaten hat sich die Band zum Sextet vergrößert und eine neue CD eingespielt, mit deren Musik das Sextet nun tourt – „Unaffected Thought Flow“.
Das Konzert des Contemporary Noise Sextets am 6. Dezember im Dresdner Jazzclub Neue Tonne ist der Auftakt für das 5. Festival JAZZWELTEN 2009, das die „Tonne“ unter dem Motto „Spannungsfelder“ vom 20. bis 28. März 2009 veranstaltet. Zu diesem Konzert des Contemporary Noise Sextets wird der Dresdner Jazzclub den Stand der Programmplanung für die 2009er JAZZWELTEN-Ausgabe vorstellen.

Montag, 27. Oktober 2008

Kazutoki Umezu kommt mit seiner wuchtig rockigen Kiki Band in den Jazzclub Neue Tonne Dresden


Zweifellos ist Kazutoki Umezu (2. v. l.) einer der produktivsten und wichtigsten Bläser, nicht nur Japans, sondern weltweit. Er hat in über 30 Ländern Konzerte gegeben, ist auf Festivals wie Moers, Vilnius, New York, Tokio, Singapore aufgetreten und hat mit einer großen Zahl von Musikern/Bands gespielt wie Mal Waldron, Lester Bowie, Olu Dara, Oliver Lake, David Murray, Rashid Ali, Peter Brötzmann, John Zorn, Tom Cora, Samm Bennett, Wayne Horvitz, Marc Ribot, B.B. King... Eine unglaubliche Liste, die zeigt, welchen Stellenwert Umezu als Bläser besitzt, welchen Respekt er unter Kollegen genießt und letztlich auch seine Lust verdeutlicht, Grenzen aufzulösen, zu experimentieren und zu improvisieren. Alles ist bei ihm in ständigem Fluss, nur der Sound seines Saxofons, seiner Klarinette ist konstant, klar, schön, stark, temperamentvoll und oft voller Humor.


Dies und noch viel mehr zu Umezu schreibt Olaf Maikopf über die anstehende Tournee der Kiki Band. Wer nicht nur lesen, sondern auch hören will, der kann dies tun: Am 31. Oktober (21 Uhr) konzertiert Umezu + Kiki im Jazzclub Neue Tonne Dresden!

Montag, 13. Oktober 2008

Glanzlichter zwischen Jazz, Blues und Pop






Anthimos Apostolis. (Foto: PR)

12. Internationales Budweiser Budvar Jazz- und Bluesfestival in Aussig (Ustí nad Labem) startet am 16. Oktober 2008


Vom 16. Oktober 2008 bis 18. Oktober 2008 sowie am 21. Oktober 2008 findet in Aussig (Ustí nad Labem) das Internationale Jazz- und Bluesfestival statt - übrigens bereits zum zwölften Mal. Nach wie vor gestalten die Macher um Ivan Dostál ein Festival, dessen Schwerpunkt auf Jazzrock, Souljazz sowie verschiedenen Formen des Blues liegt.
Höhepunkte in diesem Jahr sind sicher die Konzerte des Apostolis Anthimos Trios, des Deep Blue Organ Trios, des Freddie Cole Quartets, der Carl Palmer Band, von Roger Chapman and the Shortlist sowie - am 21. Oktober 2008 - von Erik Truffaz.

Anthimos Apostolis war einst einer der großartigsten Gitarristen von Niemen und 1971 Gründungsmitglied der Kultband SBB (Silesian Blues Band) – heute brilliert er längst mit seinem eigenen Jazztrio, zelebriert magisch-entspannte, in großen melodischen Bögen konzipierte Gitarrenimprovisationen.
Chris Foreman spannt auf seiner Hammond im Deep Blue Trio einen stilistischen Bogen von einer bedächtigen „Light My Fire“-Interpretation bis zu fingerflink vorgetragenen Up-Tempo-Kansas-City-Jump-Titeln.
Freddie Cole ist der jüngere Bruder von Nat King Cole und der Onkel von Natalie Cole – sein Ray-Charles-ähnlicher Gesang und sein federndes, relaxtes Piano-Spiel begeistert seit vielen Jahren das Jazzpublikum beiderseits des Atlantik.
Interessant bei Carl Palmer ist, dass dessen Trio die „Bilder einer Ausstellung“ von Modest Mussorgsky in einer bis dahin für dieses Werk unüblichen Besetzung aufführt – nämlich ohne dräuende, sound-kitschige Bombast-Keyboards, sondern als harte Rockband mit Drums, Bassgitarre und E-Gitarre.
Magic Slim ist mit seiner Band The Teardrops einer der bekanntesten Vertreter des „West Side Chicago Blues“ – wenn er am Sonnabend, den 18. Oktober 2008 aufspielt, wird der Saal wohl übersprudeln – und das Publikum für Roger Chapman and the Shortlist so richtig „weichgekochen“.
Gewissermaßen als Festival-Nachkonzert tritt Erik Truffaz am Dienstag, den 21. Oktober 2008 (20 Uhr) mit seinem Stammquartett auf, das erst vor einem Jahr die aktuelle Truffaz-CD „Arkhangelsk“ veröffentlicht hat – zu hören sind Experimente im Spannungsfeld zwischen Jazz, Elektronik, modernen Club-Grooves, Rock-, Pop- und Ethno-Elementen; Erik Truffaz geht mit diesen Songs enger denn je auf Tuchfühlung mit anspruchsvollem Pop.

Die Förderung des Jazznachwuchs durch den Junior-Jazz-Wettbewerb, der gemeinsam mit der Tschechischen Jazzgesellschaft ausgerichtet wird, gehört zu den Kontinuitäten, mit denen das Festival brilliert. In den Endausscheid, der am Donnerstag, den 16. Oktober 2008 (ab 19 Uhr) ausgespielt wird, haben es vier Bands geschafft. Mit dem Trio Ring auch eine in Dresden mittlerweile namhafte Nachwuchsband, die vor allem für ihre eigene Konzertreihe „Feature-ring“ bekannt geworden ist. Die weiteren teilnehmenden „Junior“-Bands sind das Switch On Quintet und Biotone, beide aus Polen, sowie Mocca Malacco aus Tschechien.

Insgesamt treten an den drei Festival-Abenden 15 Bands mit Musikern aus acht Ländern auf.
Neu sind diesmal zwei Dinge: Das Festival heißt nun „Budweiser Budvar Jazz & Blues Festival“ und die Samstagskonzerte am 18. Oktober finden im deutlich größeren und renovierten Kulturhaus von Aussig statt. Detaillierte Angaben über sämtliche Konzerte sowie zu den Tickets findet man - trotz der tschechischen Sprache ganz gut verstehbar - auf der Internetseite des Festivals.