Mittwoch, 30. September 2009

Jazzclub Neue Tonne Dresden hat mit Steffen Wilde einen neuen Geschäftsführer


Der Jazzclub Neue Tonne Dresden hat mit Steffen Wilde (Jahrgang 1964) ab 1. Oktober 2009 einen neuen Geschäftsführer.

Der bisher in Halle/Saale tätige Wilde veranstaltet seit 1980 Konzerte mit zeitgenössischem Jazz. Er sammelte Erfahrung seit 1992 im Studentenklub Turm in Halle, war dort bis 2004 künstlerischer Leiter der Konzertreihe Turm Jazzclub. Später übernahm er die künstlerische Leitung der Konzertreihe Take 5 im Objekt 5, Halle. Von 1994–2003 war Steffen Wilde künstlerischer Leiter des Internationalen Moritzburg Jazzfestivals in Halle.

Seit 1997 betreibt er mit großem Erfolg die Künstleragentur Subtone Concerts, die zeitgenössische Jazzmusiker aus den USA, Japan, Österreich, der Schweiz und Skandinavien an mitteleuropäische Klub- und Festivalveranstalter vermittelt. Steffen Wilde soll die „Tonne“ nicht nur kaufmännisch, sondern vor allem auch künstlerisch leiten.

M. B.

Dienstag, 15. September 2009

Grafikdesign und Jazzclubwerbung – Überlegungen zu einem umstrittenen Thema


Jazzclubatmosphäre. (Foto: Jazzclub Neue Tonne Dresden)

Werbung haben sie alle nötig – die großen Kulturveranstalter wie die kleinen Jazzclubs. Aber wie wirbt man richtig? Wie wirbt ein Jazzclub als kleiner Veranstalter mit kleinem Budget trotzdem erfolgreich? Das Thema ist kompliziert und umstritten – nachfolgend ein paar Anmerkungen zur Gestaltung von Programmheften und -faltblättern, Plakaten und Anzeigen.

Vorüberlegung – Warum machen Unternehmen Werbung?

Die Antwort auf diese Frage ist nicht ganz so einfach wie im ersten Moment vermutet.

Natürlich werben sie, um ihre Produkte möglichst gut zu verkaufen. So weit klar – wenngleich auch in diesem anscheinend selbstverständlichen Punkt der Teufel im Detail liegt...

Aber Unternehmen werben auch, um Steuern zu sparen.

Und sie werben, um in der Öffentlichkeit ihre Unternehmensidentität mittels eines Corporate Designs zu schärfen, zu profilieren. Potenzielle Kunden oder Käufer sollen besser wissen, was, welche Leistungen und Produkte, manchmal auch welche Arbeitsweisen sie vom Unternehmen erwarten können.

Deshalb versuchen Unternehmen, sich selbst oder ihre Produkte zu „Marken“ zu entwickeln. Die damit zusammenhängenden Überlegungen münden zwangsläufig in das Bestreben, der künstlerischen Qualität, Kreativität und Originalität eine größere Rolle zuzumessen. An dieser Stelle kann, ja: muss Werbung zu Kunst werden.

Auf solche Weise prägen Unternehmen im ständigen Kampf um das Erreichen ihrer Firmenziele die visuelle Kultur unserer Gesellschaft mit.

Wenn Kulturveranstalter werben

Auf Kulturveranstalter treffen diese Überlegungen ganz besonders zu; das Bewusstsein, dass sie immer auch mitverantwortlich für die visuelle Qualität des Alltags sind, sollte bei ihnen deutlich ausgeprägt sein.

Gemeinnützige Vereine oder Staatsbetriebe erwirtschaften im Normalfall – anders als kommerzielle Agenturen und Veranstaltungshäuser – keine finanzielle Gewinne, die Frage des Steuersparens steht bei ihnen somit nicht. Da sie aber wesentlich mit „fremdem“ Geld von Förderern und Sponsoren arbeiten, sind sie in spezifischer Weise einem Erfolgsdruck ausgesetzt. Und die in den gemeinnützigen Vereinen unentgeltlich wirkenden Kulturenthusiasten wollen als „Lohn“ für ihr aufreibendes Ehrenamt wenigstens den Erfolg ihrer Veranstaltungen sehen – künstlerisch und in Besucherzahlen.

Printwerbung kleiner Kulturveranstalter

Warum also machen kleine Kulturveranstalter Werbung? Auch das ist nicht ganz so leicht zu beantworten wie im ersten Moment vermutet.

Natürlich werben sie, um viele Besucher zu ziehen. Allerdings: Die Werbewirkung der herkömmlichen Printmedien wie Monatsprogramme und Plakate ist bisher nicht wirklich untersucht. Während große Agenturen und Veranstaltungshäuser viel, viel Geld in eine flächendeckende Printwerbung stecken und auf diese Weise versuchen, auf „Nummer sicher“ zu gehen (nach dem Motto: Irgend etwas bleibt wohl bei jedem hängen...), steht den kleinen Kulturveranstaltern schon aus finanziellen Gründen dieser Weg nicht offen. (Besonders für sie ist Werbung mit eigenen Websites und E-Mail-Rundbrief unverzichtbar, denn sie kostet fast nichts, kann sofort auf Programmveränderungen reagieren und nutzt das Medium, das dem Publikumsnachwuchs am vertrautesten ist.)

Weil aber Werbung mit gedruckten Monatsprogrammen oder Plakaten richtig Geld kostet, suchen die kleinen Veranstalter händeringend nach Antworten auf die Fragen, wohin und wie Monatsflyer etwa verteilt werden sollten und wie sie gestaltet werden müssen, damit sie wirken.

Groß, grell, provokant – hilft das wirklich?

Es erfordert viel Mühe und gegebenenfalls viel Geld für eine entsprechende Studie, diese Fragen befriedigend zu beantworten.
Zusätzlich erliegt man schnell der Gefahr, mit wahrnehmungspsychologischen Schnellschüssen zu problematischen gestalterischen Lösungen für die Printwerbung zu gelangen. Groß, grell, provokant – solche Formensprachen sind längst nicht immer geeignete Mittel, mit denen man Aufmerksamkeit erregen und danach noch potenzielle Interessenten wirklich ins Konzert kriegen kann.

„Worauf ein Betrachter seine Aufmerksamkeit lenkt, wird ihm durch die verschiedenen Sozialisationspraktiken seines Kulturkreises wie beispielsweise die Erziehung eingeprägt“, erklärt die Forschung, so erst 2005 Hannah-Faye Chua (Universität von Michigan, Ann Arbor) in einer Studie „From the Cover: Cultural variation in eye movements during scene perception“.

Auch die kulturelle Bewertung der sichtbaren Gestaltungselemente ist abhängig von den verschiedenen Sozialisationssystemen und Subkulturen.

Klar, dass dies nicht nur auf die verschiedenen großen Kulturkreise zutrifft, sondern auch in spezifischer Form auf die vielen kleineren kulturellen Subsysteme.

So gilt beispielsweise die Schwarzweiß-Fotografie im Jazz-, Theater- und Konzertmusikbereich noch viele Jahre nach der Einführung der Digitalfotografie und des preiswerten Farbdruckes als wertvolles, adäquates künstlerisches Gestaltungsmittel, während sie in anderen Bereichen als langweilig oder gar unangemessen bewertet wird.

Eine ganze Reihe von extra entworfenen Schriften – exemplarisch sichtbar an der sich verändernden Titelschriftmarke der einstigen Techno-Zeitschrift „Frontpage“ – stehen symbolhaft für die Techno-Kultur, wie der Typografieprofessor Friedrich Friedl mit seinem Text „Buchstaben in Bewegung. Die Typografie der Techno-Generation“ ausführlich darstellte; in anderen musikkulturellen Zusammenhängen würde die Nutzung dieser Schriften und Gestaltungsweisen als deplaziert empfunden werden.

Mit anderen Worten: Was für den Einen „gepflegte Langeweile“ hervorruft, ist für den Anderen Professionalität, was auf den Einen provokant wirkt, ist für den Anderen Selbstverständlichkeit, was für den Einen missverständlich wirkt, ist für den Anderen in der Aussage glasklar – je nachdem, in welchen ästhetischen Zeichensystemen sich die Beteiligten zuhause oder angesprochen fühlen.

Printwerbung für den Jazzclub – aber wie?

Als Jazzclub mit seiner Printwerbung zu versuchen, Aufmerksamkeit in allen kulturellen Subsystemen – beim Rock- wie beim Volksmusikpublikum, unter den Freunden der zeitgenössischen Konzertmusik ebenso wie bei den Soul-, Blues- und Funkfans, bei den Chansonliebhabern wie bei den Freejazzfreunden – zu erzeugen, indem man die diversen Adressatengruppen jeweils in ihren spezifischen visuellen „Sprachen“ anspricht, ist ein hoffnungs- und sinnloses Unterfangen (würden doch zum Beispiel die Volksmusikfreunde sehr schnell merken, dass es sich um Jazz, nicht um Volksmusik handelt). Dies gilt noch stärker für die Bevölkerungsgruppe der allgemein Uninteressierten, für die man noch nicht einmal eine spezielle visuelle „Sprache“ feststellen kann.

Wenn also kleine Kulturveranstalter – auch Jazzclubs – schon Geld für Printwerbung ausgeben, obwohl sie eigentlich nicht wissen, wie und wie erfolgreich bestimmte Grafikgestaltungen bei wem wirken, so tun sie das ganz besonders auch, um vor der Öffentlichkeit, vor dem potenziellen Publikum, ihr eigens Profil, ihr eigenes Image zu schärfen. Sie tun es, um sich als Marke zu profilieren.

Wo „Jazzclub Neue Tonne Dresden“ drin ist, sollte die Werbung auch so gestaltet sein, dass dies erkennbar ist – und unter der Marke „Tonne“ symbolisiert sein.

„Jazz“ gibt’s in vielen Formen und überall – von Dixieland über Swing, von Fusion und Blues bis Free, von Crossover bis Cool, veranstaltet von kleinen Klubs bis zu Opern, von Kaufhäusern bis zu Agenturen, von Theatern bis zu Volksfesten.

Sowenig wie eine Semperoper für „Oper“, ein Staatsschauspiel für „Theater“ und ein Beatpol für „Rock“ werben, so wenig wäre es sinnvoll, wenn der Jazzclub Neue Tonne Dresden für „Jazz“ werben würde und erst in zweiter und dritter Linie mühselig erklärte, um welchen Jazz es sich denn handelt. Nein – die Einrichtungen sind zu recht bemüht, als eine Marke mit einem bestimmten, durchaus ausdifferenzierten Inhalt wahrgenommen zu werden und darüber an ihr Publikum zu gelangen.

„Zeichen setzen“ – Club ist als „Marke“ besser erkennbar

Klar ist, dass die Markenprofile sich immer wieder mal wandeln. Das veränderte visuelle Gesicht des Staatsschauspiels Dresden unter neuem Intendanten ist ein Beispiel dafür – wenn auch nicht gerade eins für gutes grafikdesignerisches Gelingen. Der neue Intendant bringt eine andere Programmatik mit, und dies soll durch ein anderes „Gesicht“ des Theaters verdeutlicht werden.

Vor allem der Beatpol Dresden, der Independent-Rockclub im Osten Deutschlands, zeigt, dass die Sache mit der „Marke“ funktionieren kann. Ohne sich vordergründig als „Rock“ zu rubrizieren, hat er sich ein Profil aufgebaut, dessentwegen das Publikum fast automatisch kommt, sogar ohne großen Werbeaufwand.

Klubs jedoch, die sich überwiegend den zeitgenössischen und experimentellen Musikformen widmen, verfügen nicht annähernd über ein so großes Publikumsreservoir wie ein Independent-Rockclub.
Sie müssen deswegen besondere Anstrengungen in der Werbung – vor allem auch in der Marken-Profilierung – unternehmen. Sie müssen weithin wahrnehmbar „Zeichen setzen“ – im doppelten Sinn: inhaltlich durch ihre Veranstaltungstätigkeit und werbegrafisch durch ihr bemerkenswertes „Gesicht“.

Für die Entwicklung eines solchen „Gesichts“ bedarf es normalerweise eines Fachmannes und einiger gründlicher Überlegungen.

Die Kompetenz der Grafikdesigner herauskitzeln, nicht darauf verzichten

Demgegenüber wird die Kompetenz konzeptioneller Denker und vor allem guter Grafikdesigner immer häufiger geringgeschätzt. Viele Auftraggeber vertreten die irrige Meinung, sie könnten die Entwicklung eines solchen visuellen „Gesichts“ eigentlich selbst leisten. Also schreiben sie den auftragnehmenden Grafikdesignern die grafische Lösung häufig bis in Gestaltungsdetails hinein vor – mit schauerlichen und sogar schädlichen Ergebnissen.

Nicht jeder Grafiker wird solche undankbaren Aufträge ablehnen können. Befragt danach, wofür Grafikdesigner, wenn sie die Aufträge haben, denn eigentlich ihr Geld kriegen, antwortete ein europaweit mehrfach ausgezeichneter Grafikdesigner mit ironisch-resignativem Unterton: „Ich wag mal 'ne Antwort: Für widerspruchslose Erfüllung der Auftraggeberwünsche.“

Aber kleine Veranstalter sind auf jeden einzelnen Besucher angewiesen – und darauf, dass sie bei potenziellen Förderern und Sponsoren, aber auch beim Publikum als Marke deutlich erkennbar sind.
Gerade sie sollten bei der Konzeption ihrer Werbemaßnahmen nicht auf die Kompetenz von Fachleuten, vor allem Grafikdesignern, verzichten, sondern die Kompetenz der Grafikdesigner herauskitzeln.

Im Jazzbereich gab und gibt es immer wieder positive Beispiele, allerdings vorwiegend für Festivals, so die zu dessen Lebzeiten von Jürgen Haufe entworfene Gesamtausstattung der Leipziger Jazztage oder auch – aktuell – das Corporate Design des Jazzfestivals Saalfelden.

Jazzclubs dagegen tun sich schwer.

Mathias Bäumel

Dienstag, 11. August 2009

Sächsische Kulturstiftung gibt 2009 mehr Geld für Jazz als im Jahr zuvor


Wie funktioniert die Klaviatur der sächsischen Jazzförderung? Trotz Aufstockung bleibt diese Musik ein Stiefkind: Im Jahre 2008 betrug der Anteil der Jazzförderung am Fördervolumen Darstellende Kunst/Musik lediglich etwa 7 Prozent. (Foto: Christian Seidel/pixelio)

Für die Förderung von Jazz und improvisierter Musik gibt die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen im Jahre 2009 78.200 Euro aus. Das sind 9.000 Euro mehr als im Jahr davor. Regional gesehen sind dabei Leipziger Veranstalter die Gewinner – 2009 fließen 24.000 Euro mehr als noch 2008 in Leipziger Projekte, während Chemnitzer und Dresdner Projekte mit 15.000 Euro weniger als 2008 von der sächsischen Kulturstiftung gefördert werden.

In Dresden vorgenommene Einsparungen gehen vornehmlich zu Lasten innovativer und künstlerisch freier Projekte. So erhielt das Jazzwelten-Festival des Jazzclubs Neue Tonne weniger, das Festival Frei Improvisierter Musik der Blauen Fabrik überhaupt keine Förderung. In Dresden von einer Kürzung verschont geblieben sind dagegen die eher auf konventionelle und mehrfach eingeführte Programmpunkte orientierten Jazztage Dresden der kommerziellen Agentur Grandmontagne.
Jedoch profitieren in Leipzig gerade innovative und künstlerisch freie Projekte von finanzieller Aufstockung und Umverteilung der Gelder der sächsischen Kulturstiftung.

Damit unterstützen diese Förderentscheidungen im Gegensatz zu den Intentionen der antragstellenden Dresdner Veranstalter die in der Öffentlichkeit vorgefassten Meinungen vom kreativen Leipzig und dem eher konservativen Dresden.

Auch das innovative, zeitgemäße Telekommunikationstechnik einbeziehende Improvisationsprojekt zur Chemnitzer Jazzakademie (B.I.G. Verein zur Förderung der musikalischen Bildung e. V.) erhielt keine Förderung, während das auf musikpädagogische Ziele und stilistische Breite orientierte Leipziger Improvisationsfestival des erst vor kurzem von Berlin nach Leipzig umgezogenen Deutschen Instituts für Improvisation e. V. sofort mit 8000 Euro gefördert wurde.

Im Jahre 2008 bearbeitete der Fachbeirat Darstellende Kunst und Musik 261 Anträge, davon wurde die reichliche Hälfte (139) mit einer Fördersumme von zusammen 1.031.623,65 Euro positiv beschieden.

Als Teil dessen ist die Förderung des Jazz und der improvisierten Musik verschwindend gering. Der Anteil der Jazzförderung am Fördervolumen Darstellende Kunst/Musik betrug 2008 lediglich etwa 7 Prozent. Im Jahre 2009, für das exakte Zahlen noch nicht vorliegen, „haben wir einen ähnlichen Zahlenkorridor“, wie der stellvertretende Stiftungsdirektor Dr. Manuel Frey sagt.

Der Fachbeirat Darstellende Kunst und Musik der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen sichtet die eingehenden Förderanträge und erarbeitet für die jährlich zwei Förderperioden jeweils eine Empfehlung. Diese Empfehlung werde dann vom Vorstand „nahezu immer“, wie Frey erläutert, übernommen und zur Förderung beschlossen.

Die Mitgliedschaft im Fachbeirat läuft über drei Jahre, auch, „um Verkrustungen zu vermeiden, neues Wissen zu berücksichtigen und von neuen Sichtweisen profitieren zu können“, so Frey.

Der aktuelle Fachbeirat Darstellende Kunst und Musik, der auch die Jazz-Anträge der nächsten Förderperiode begutachtet, hat sieben Mitglieder, darunter vier Fachleute für Theater und Tanz sowie drei für Musik: den Leipziger Kirchenmusikfachmann Professor Christoph Krummacher, den Musikhistoriker und Schütz-Fachmann Professor Matthias Herrmann aus Dresden und den jungen Leipziger Komponisten Christian FP Kram.

(M. B.)

Donnerstag, 30. Juli 2009

Johnny Gonzalez begeisterte am 29. Juli 2009 im Dresdner Blue Note


Wie der Bolivianer Johnny Gonzalez am gestrigen 29. Juli 2009 im Dresdner Blue Note den Song „Autumn Leaves“ spielte, war sowohl künstlerisch beeindruckend als auch für die Piano-Kunst des südamerikanischen Jazz-Urgesteins aufschlussreich.

Der Song, 1945 von Joseph Kozma als Chanson „Les feuilles mortes“ nach einem Gedicht von Jacques Prévert komponiert, wurde erstmals 1946 von Yves Montand im Film „Pforten der Nacht“ vorgetragen. Johnny Mercer schrieb, inspiriert vom Schicksal einer in einem KZ ermordeten deutschen Jüdin, darauf einen englischen Text; der um die Welt gehende Jazzstandard „Autumn Leaves“ war geboren, ein für seine intensive Wehmütigkeit bekannter Song. Johnny Gonzalez interpretierte das Stück zwar traurig, aber kraftvoll, phasenweise energisch, in jeder Situation Sentimentalitäten vermeidend. Mit hartem Anschlag, Tempowechseln, motivischen Einschüben und Verschachtelungen sowie einem Spannung schaffenden Gegeneinander von melodischen Verzierungen und kargem thematischen Skizzieren gestaltete er eine Art Neugeburt dieser Komposition, die man lediglich wegen ihres tragischen Hintergrundes nicht unbedingt „Evergreen“ nennen sollte.

Noch weitere Blues- und Jazzklassiker wie „Summertime“ von George Gershwin, „Blue Monk“ von Thelonius Monk, „St. Louis Blues“ von W. C. Handy, vor allem aber noch „Caravan“ von Juan Tizol und Duke Ellington wurden vorgestern im Blue Note von Interpretationskonventionen befreit. Johnny Gonzalez nutzte die Harmoniefolgen der Stücke, um zunächst unbekannt scheinende Einleitungen zu skizzieren, die sich dann in rhythmisch und metrisch variable Durchführungen ergossen, wie Kaskaden von Melodie- und Akkordschwällen. Brillant, wie er zwischen Ragtime-, Tango- und Boogierhythmen changierte, wie er gleichzeitig Bass- und Melodieläufe in verschiedenen Tempi vortrug, wie er kurze melodische Signalsplitter in den harmonischen Ablauf einstreute – stets mit gnadenlos hartem Anschlag, präzise, manchmal sogar sperrig oder linkisch wirkend. Klischees bediente Gonzalez nicht, und auch die Verarbeitung lateinamerikanischer, sogar indianischer Melodien hatte nichts von El-Condor-Pasa-Gefühligkeit, dafür viel von prallem Leben, von wacher Raffinesse, von Eigenwilligkeit.

Kein Zweifel: Hier war ein Erzmusikant am Werk, der über Jahrzehnte Eigenes mit Einflüssen anderer Großer verwebt, der sowohl aus der Vielfalt lateinamerikanischer Musikkulturen als auch aus den Begegnungen mit bisherigen Spielpartnern wie Albert Mangelsdorff, Charly Byrd oder Elvin Jones schöpft. Johnny Gonzalez war ein Erlebnis.

(M. B.)

Dienstag, 26. Mai 2009

Raffinierte Creutziger-Fotos zum Kammerabend am 28. Mai 2009 in der Dresdner Semperoper


Matthias Creutziger: Hutpuppe, 1930-er Jahre.

Der international renommierte Jazz- und Theaterfotograf Matthias Creutziger, seit einigen Jahren als Fotograf an der Dresdner Semperoper beschäftigt und seit langem auch dem Jazzclub Neue Tonne eng verbunden, trägt mit seinen künstlerischen Foto-»Porträts« von historischen Hutpuppen wesentlich zum Programm des 6. Kammerabends am 28. Mai 2009 (20 Uhr) in der Semperoper bei. Die Stücke »Metamorph I bis III« sind Improvisationen für zwei Perkussionisten (Perkussive Spielvereinigung: Dominic Oelze und Christian Langer), die extra für die auf den Bühnenhintergrund projizierten Fotos Creutzigers konzipiert sind. Dieses spezielle Miteinander von Fotos und improvisierter Perkussion geht auf eine Idee von Oelze und Langer zurück, die beide die fotografischen Qualitäten ihres Kollegen sehr schätzen.

Das vollständige Programm und Informationen zum Ticketbezug hier.

Donnerstag, 14. Mai 2009

Burleske Töne vor der Gefahr

CD-Tipp: Seit 1997 mit einer solchen spannend-zupackenden und gleichermaßen lyrisch-nachdenklichen Musik auf Achse, legt Saxofonist und Klarinettist Matthieu Donarier mit seinem Trio seine erste CD „Optictopic“ vor, die strukturell vielseitige Kompositionen Donariers präsentiert. „Wir möchten die größtmöglichen Kontraste erreichen, wir möchten dem Publikum wahre Geschichten erzählen, wobei das Szenario von einer andauernden Freiheit geprägt sein soll“.

Das Resultat ist Jazz vom Feinsten, sind Klänge voller Überraschungen!

Mehr über Matthieu Donariers CD „Optictopic“ bei SCHÖNE TÖNE.

Donnerstag, 23. April 2009

„Byzantinum“ von Gábor Gadó – ein Fanal der Musikgeschichte


Gábor Gadó am 19. März 2005 in Dresden zum JAZZWELTEN-Festival. (Foto: Dietrich Flechtner)

Unbeirrbar, der Mann, der Mahner, der Musiker. Gitarrist Gábor Gadó stellt seine ausufernde, bizarr und tiefsinnig wirkende Musik auch diesmal wieder in einen Kontext historisch übergreifender gesellschaftlicher Grunddiagnosen. Sein aktuelles Album nennt er „Byzantinum“, typografisch verändert mit verdrehtem „z“. „z“ ist der letzte Buchstabe des Alphabets – das Ende ist also verdreht, verkehrt, falsch.

Byzantinum oder Byzantium meint jene antike Ansiedlung am südwestlichen Ausgang des Bosporus, die wegen ihrer günstigen Lage zwischen 326 und 330 vom römischen Kaiser Konstantin I. als neue Hauptstadt des römischen Reiches umgebaut wurde („Konstantinopel“). Byzanz als Symbol für zivilisatorischen Neubeginn und gleichermaßen Fortsetzungspunkt einer menschlichen Entwicklung ins Verderben, als symbolischer Ort für den Beginn der sogenannten konstantinischen Wende, in deren Verlauf aus der einst staatlich diskriminierten und phasenweise blutig verfolgten christlichen Kirche eine zunächst geduldete, dann rechtlich privilegierte Institution und schließlich durch Theodosius eine Reichskirche wurde.

Die vexierbildartige Gestaltung des Art-Smart-CD-Covers Yasar Merals und Gábor Bachmans könnte auf diese konstantinische Wende verweisen, sie zeigt auf der einen Seite eine antike Jagdszene, auf der anderen eine bedrohliche Jesus-Szene; gerade letztere deutet durch die Teufelsfiguren darauf hin, dass das Böse nicht Feind, sondern Kind des Christentums ist – eine Auffassung, die man in der Gadó’schen Symbolik nicht nur einmal findet.

Der CD beigelegt ist ein fiktiv apokryphischer Text zur Apokalypse des 21. Jahrhunderts, extra von Miklós Dolinszky, dem sicher bedeutendsten ungarischen Musikwissenschaftler der Gegenwart, in alt-ungarischen Sprache für „Byzantinum“ geschrieben. Dolinszky: „Als Musikwissenschaftler, dem auch literarische Interessen nicht fremd sind, habe ich mich für ein sprachliches Spiel entschieden, das die Sprache der ersten ungarischen Bibelübersetzung aus dem 16. Jahrhundert paraphrasiert (einige konkrete Zitate aus dem Alten Testament und aus Henry David Thoreaus „Walden. Oder das Leben in den Wäldern“ mit einbezogen), und das, obwohl es in direkter Weise mit Gábor Gadós Musik eigentlich nichts zu tun hat.“

Auch dieser Text beginnt mit der Aussage, dass das Böse, der Teufel, eine Folge der menschlichen Selbstapotheose ist. „Denn indem man sich selbst als Gott wahrnimmt, sagt man auch, dass der Teufel in der Welt existiert.“ Und weiter erinnert das Fragment daran, dass die Abwesenheit des Bösen nicht identisch mit dem Guten, die Abwesenheit des Teufels nicht dasselbe wie das Göttliche sei. Und der apokalyptische Text endet mit der Beschreibung des menschlichen Zusammenlebens nach dem Armageddon: „Die Häuser, Straßen, Brücken und Hochhäuser waren zerstört worden und gemeinsam mit ihnen hatten sich auch die Staaten, Parteien, Firmen, Organisationen, Gremien und Institutionen aufgelöst, die nicht zuletzt die Mitmenschlichkeit zerstört hatten. Und die Menschen kamen einander wieder näher, nicht nur körperlich, sondern auch im Geiste: Denn die Mauern, die die Menschen in Gestein aufgebaut hatten, existierte längst auch in ihren Köpfen. Und jetzt gab es nichts mehr, was die Menschen trennte.“

So kommt es also nicht von Ungefähr, dass der letzte Titel der CD „Юродивий“ benannt ist. Das russische Wort bezeichnet einen Schwachsinnigen, einen Narren – auch in der Bedeutung eines Narren, der ungestraft die schreckliche Wahrheit sagen darf.

Da könnte man an Erasmus von Rotterdams „Lob der Torheit“ (1509) denken, für den „in der heilsamen Torheit die wahre Weisheit und in der eingebildeten Weisheit die wahre Torheit“ lag. Dabei sollte man jedoch nicht außer Acht lassen, dass das, was dann später Narrenfreiheit genannt wurde, keine Errungenschaft des Christentums ist. Das Recht, in der Kunst Charaktere darzustellen, die respektlos gegen Götter und Menschen sind, gab es schon in der Antike. Was später, seit der Renaissance, nur der „Narr“ (Hofnarr) durfte, ist Aufgabe jedes Denkers: Hinzuweisen auf den verkommenen Zustand der menschlichen Gesellschaft und Fingerzeige zu geben, woher das Übel rührt. Eine von Gábor Gadós Antworten: „Byzantinum“.

Es scheint folgerichtig, dass einzelne Titel der CD auf diesen bewusst geschaffenen Kontext Bezug nehmen. – Beispiele?

„Mirandola“ thematisiert Giovanni Pico della Mirandola (1463-1494), den großen, sehr früh verstorbenen Philosophen der Renaissance.
Mirandola war der erste Christ, der, ohne selbst jüdischer Abstammung zu sein, sich intensiv mit der Kabbalah befasste. In Rom wollte er 900 philosophische und theologische Thesen, die er verfasst hatte, öffentlich vor allen interessierten Gelehrten der Welt verteidigen. Er lud zu einem großen europäischen Kongress ein, der in Anwesenheit des Papstes und des Kardinalskollegiums stattfinden sollte. Sein Ziel war, eine fundamentale Übereinstimmung all jener philosophischen und religiösen Lehren aufzuzeigen, die letztlich alle im Christentum enthalten seien, und damit zu einer weltweiten Verständigung und zum Frieden beizutragen. Die für Januar 1487 geplante öffentliche Disputation fand jedoch nicht statt, denn Papst Innozenz VIII. setzte eine sechzehnköpfige Kommission ein, die die Rechtgläubigkeit der in den Thesen vertretenen Auffassungen prüfen sollte. Mirandola war nicht bereit, vor der Kommission zu erscheinen. Nach heftiger Debatte kam die Kommission zu dem Ergebnis, dreizehn der Thesen seien häretisch und sollten daher verurteilt werden. Die Musik Gábor Gadós spiegelte die dramatische Dynamik des Geschehens, die sich aufschwingende Hoffnung, Wendungen hin zu Zweifeln, Attacken der Gefahr, das aufbrechende Licht des Optimismus und den Sturz in die Tiefen der Niederlage wider – und dies in fünf Minuten und einundfünfzig Sekunden.

„Avicenna“ ist dem berühmtesten Philosophen und Naturwissenschaftler „des Islam und vielleicht aller Zeiten“ (George Sarton), Abū Alī al-Husayn ibn Abdullāh ibn Sīnā (980-1037), gewidmet – gestaltet mit sanften Saxofon-Gitarrre-Unisono-Läufen, (wahrheits)suchend, tastend, ...

Das Titelstück schließlich vermittelt im Ensemblespiel von Klarinette, Bassklarinette, Bass, Drums eine stakkato-artige Heiterkeit, die – nun auch kommt Gadós Gitarre ins Spiel – zu quirligen, lebendigen Verlockungen und Zweifeln führt, um im Duo von Saxofon und Gitarre einen Drachentanz zwischen Bedrohung und Verheißung zu gestalten – das Ende bleibt offen.

Gábor Gadós „Byzantinum“ – das ist kein Jazz. Das ist ein Fanal der Musikgeschichte.



Gábor Gadó: Byzantinum, BMC CD 137

Der Text von Miklós Dolinszky auf Deutsch in einer Grobübersetzung aus der alt-englischen Version hier.