Wie sagte einst meine ungarisch-jüdische Nenn-Oma aus Budapest auf meine Frage, wieso es bei ihr immer so gut schmecke? »Nun, man darf nicht nur mit Liebe kochen – man muss auch ein paar Zutaten hineingeben!« Diese ernst gemeinte, aber schalkhaft vorgetragene Weisheit hat mein Leben bisher mitgeprägt. Die Nenn-Oma liegt längst auf jenem jüdischen Friedhof in Budapest, auf dem auch der Komponist des Liedes vom traurigen Sonntag, Rezsö Seress, liegt, und ich selbst bin seither immer wieder auf der Suche nach der Verbindung beider Aspekte: Hingebung und Substanz – auch im Rahmen meines Interesses für Jazz.
Nun wurde ich diesbezüglich wieder einmal fündig. Und – wieder einmal – in der Musik des ungarischen Saxofonisten und Tárogató-Spielers Mihály Borbély. Der hat, nach seinen großen Würfen, den Veröffentlichungen »Hommage à Kodály« und »Meselia Hill«, nun ein Album herausgebracht, das sich unter dem beziehungsreichen und von Attila Zoller stammenden Namen »Hungarian Jazz Rhapsody« einigen Kompositionen der ungarischen Populärmusik zuwendet, älteren und nicht so alten.
»Várj, Míg Felkel Majd A Nap« (Wait till the sun comes up) ist eine Rockhymne aus der Feder der beiden Musiker Ferenc Demjén und István Lerch von der Band V’Moto-Rock. Der Song erschien 1994 und wurde im Laufe der Jahre immer wieder von verschiedenen Gruppen und Solisten neu eingespielt, auch auf englisch. Weitere auf der CD enthaltene Rockstücke, möglicherweise mit für die ungarische Musikszene noch weit größerer Bedeutung, sind »Ezüst Nyár« (Silver summer) und »Ringasd el magad« (Rock yourself) der Band Locomotiv GT von den ersten beiden LPs dieser Band aus den Jahren 1971 und 1972.
Borbély greift für sein Projekt auch filmbezogene Musik auf. Es gibt eine jazzige, aber sehr kongeniale Interpretation des Kulthits »Szomorú Vasárnap« (Gloomy Sunday) von Rezsö Seress (der Große Israelitische Friedhof an der Budapester Kozma-Straße lässt wieder grüßen!), die in den Song »Látod, ez a szerelem« (See, this is love) von Tamás Deák übergeht. Interessant: Der 1928 geborene Trompeter, Komponist und Bandleader Deák schuf diesen Ohrwurm, ein typischer, Charleston-haltiger und an-geswingter Bar-Bretterknaller, noch bevor er für Zeichentrickfilme wie die hierzulande bekannten »Nu, pogodi!«, »Gustav« und »Adolars fantastische Abenteuer« komponierte.
Und schließlich interpretiert hier die Borbély-Band auch moderne Jazzkompositionen wie Attila Zollers titelgebende »Hungarian Jazz Rhapsody«, Kálmán Olahs »Polymodal Blues« und – ein Vertreter des freieren ungarischen Jazz – Karoly Binders »In illo tempore« von der 1985-er Solo-Platte des Pianisten.
Manchmal, so begründet Borbély seine Musikauswahl für diese CD, erweise sich erst nach Jahrzehnten, dass gewisse Momente viel wichtiger sind als man zum Zeitpunkt ihres Auftauchens zunächst dachte und fühlte. Damit erinnert mich Borbély zwar auch an die Koch-(Lebens-)Weisheit der Nenn-Oma, vor allem aber daran, wie reichhaltig auch die Populärmusik des kleinen Ungarns war und ist. Mit jazz-improvisatorischer Hingebung machen Borbély und seine Musiker auf der CD die Substanz dieser Songs hörbar, die alle, zumindest aus der Innensicht, zutiefst zu Ungarn gehören. Ohne die Souveränität als Komponist und Arrangeur, vor allem aber ohne die improvisatorischen Fähigkeiten des Bläsers Borbely, dessen Ästhetik rasende Glissandi ebenso einbezieht wie gewagte, folkloristisch wirkende Melismen, wäre dieses Unternehmen »Neu-Entdeckung« nicht denkbar. – Eine CD für Geschichtsbewusste, die »olle Kamellen« nicht mehr hören können, und für Moment-Junkies, die einen musikalischen Reichtum unbelasted von irgendwelchen »Vorgaben« genießen wollen.
Mathias Bäumel
Mihály Borbély Quartet: »Hungarian Jazz Rhapsody«, BMC Records CD 187 / nrw vertrieb
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Mittwoch, 4. Februar 2015
Donnerstag, 23. April 2009
„Byzantinum“ von Gábor Gadó – ein Fanal der Musikgeschichte

Gábor Gadó am 19. März 2005 in Dresden zum JAZZWELTEN-Festival. (Foto: Dietrich Flechtner)
Unbeirrbar, der Mann, der Mahner, der Musiker. Gitarrist Gábor Gadó stellt seine ausufernde, bizarr und tiefsinnig wirkende Musik auch diesmal wieder in einen Kontext historisch übergreifender gesellschaftlicher Grunddiagnosen. Sein aktuelles Album nennt er „Byzantinum“, typografisch verändert mit verdrehtem „z“. „z“ ist der letzte Buchstabe des Alphabets – das Ende ist also verdreht, verkehrt, falsch.
Byzantinum oder Byzantium meint jene antike Ansiedlung am südwestlichen Ausgang des Bosporus, die wegen ihrer günstigen Lage zwischen 326 und 330 vom römischen Kaiser Konstantin I. als neue Hauptstadt des römischen Reiches umgebaut wurde („Konstantinopel“). Byzanz als Symbol für zivilisatorischen Neubeginn und gleichermaßen Fortsetzungspunkt einer menschlichen Entwicklung ins Verderben, als symbolischer Ort für den Beginn der sogenannten konstantinischen Wende, in deren Verlauf aus der einst staatlich diskriminierten und phasenweise blutig verfolgten christlichen Kirche eine zunächst geduldete, dann rechtlich privilegierte Institution und schließlich durch Theodosius eine Reichskirche wurde.
Die vexierbildartige Gestaltung des Art-Smart-CD-Covers Yasar Merals und Gábor Bachmans könnte auf diese konstantinische Wende verweisen, sie zeigt auf der einen Seite eine antike Jagdszene, auf der anderen eine bedrohliche Jesus-Szene; gerade letztere deutet durch die Teufelsfiguren darauf hin, dass das Böse nicht Feind, sondern Kind des Christentums ist – eine Auffassung, die man in der Gadó’schen Symbolik nicht nur einmal findet.
Der CD beigelegt ist ein fiktiv apokryphischer Text zur Apokalypse des 21. Jahrhunderts, extra von Miklós Dolinszky, dem sicher bedeutendsten ungarischen Musikwissenschaftler der Gegenwart, in alt-ungarischen Sprache für „Byzantinum“ geschrieben. Dolinszky: „Als Musikwissenschaftler, dem auch literarische Interessen nicht fremd sind, habe ich mich für ein sprachliches Spiel entschieden, das die Sprache der ersten ungarischen Bibelübersetzung aus dem 16. Jahrhundert paraphrasiert (einige konkrete Zitate aus dem Alten Testament und aus Henry David Thoreaus „Walden. Oder das Leben in den Wäldern“ mit einbezogen), und das, obwohl es in direkter Weise mit Gábor Gadós Musik eigentlich nichts zu tun hat.“
Auch dieser Text beginnt mit der Aussage, dass das Böse, der Teufel, eine Folge der menschlichen Selbstapotheose ist. „Denn indem man sich selbst als Gott wahrnimmt, sagt man auch, dass der Teufel in der Welt existiert.“ Und weiter erinnert das Fragment daran, dass die Abwesenheit des Bösen nicht identisch mit dem Guten, die Abwesenheit des Teufels nicht dasselbe wie das Göttliche sei. Und der apokalyptische Text endet mit der Beschreibung des menschlichen Zusammenlebens nach dem Armageddon: „Die Häuser, Straßen, Brücken und Hochhäuser waren zerstört worden und gemeinsam mit ihnen hatten sich auch die Staaten, Parteien, Firmen, Organisationen, Gremien und Institutionen aufgelöst, die nicht zuletzt die Mitmenschlichkeit zerstört hatten. Und die Menschen kamen einander wieder näher, nicht nur körperlich, sondern auch im Geiste: Denn die Mauern, die die Menschen in Gestein aufgebaut hatten, existierte längst auch in ihren Köpfen. Und jetzt gab es nichts mehr, was die Menschen trennte.“
So kommt es also nicht von Ungefähr, dass der letzte Titel der CD „Юродивий“ benannt ist. Das russische Wort bezeichnet einen Schwachsinnigen, einen Narren – auch in der Bedeutung eines Narren, der ungestraft die schreckliche Wahrheit sagen darf.
Da könnte man an Erasmus von Rotterdams „Lob der Torheit“ (1509) denken, für den „in der heilsamen Torheit die wahre Weisheit und in der eingebildeten Weisheit die wahre Torheit“ lag. Dabei sollte man jedoch nicht außer Acht lassen, dass das, was dann später Narrenfreiheit genannt wurde, keine Errungenschaft des Christentums ist. Das Recht, in der Kunst Charaktere darzustellen, die respektlos gegen Götter und Menschen sind, gab es schon in der Antike. Was später, seit der Renaissance, nur der „Narr“ (Hofnarr) durfte, ist Aufgabe jedes Denkers: Hinzuweisen auf den verkommenen Zustand der menschlichen Gesellschaft und Fingerzeige zu geben, woher das Übel rührt. Eine von Gábor Gadós Antworten: „Byzantinum“.
Es scheint folgerichtig, dass einzelne Titel der CD auf diesen bewusst geschaffenen Kontext Bezug nehmen. – Beispiele?
„Mirandola“ thematisiert Giovanni Pico della Mirandola (1463-1494), den großen, sehr früh verstorbenen Philosophen der Renaissance.
Mirandola war der erste Christ, der, ohne selbst jüdischer Abstammung zu sein, sich intensiv mit der Kabbalah befasste. In Rom wollte er 900 philosophische und theologische Thesen, die er verfasst hatte, öffentlich vor allen interessierten Gelehrten der Welt verteidigen. Er lud zu einem großen europäischen Kongress ein, der in Anwesenheit des Papstes und des Kardinalskollegiums stattfinden sollte. Sein Ziel war, eine fundamentale Übereinstimmung all jener philosophischen und religiösen Lehren aufzuzeigen, die letztlich alle im Christentum enthalten seien, und damit zu einer weltweiten Verständigung und zum Frieden beizutragen. Die für Januar 1487 geplante öffentliche Disputation fand jedoch nicht statt, denn Papst Innozenz VIII. setzte eine sechzehnköpfige Kommission ein, die die Rechtgläubigkeit der in den Thesen vertretenen Auffassungen prüfen sollte. Mirandola war nicht bereit, vor der Kommission zu erscheinen. Nach heftiger Debatte kam die Kommission zu dem Ergebnis, dreizehn der Thesen seien häretisch und sollten daher verurteilt werden. Die Musik Gábor Gadós spiegelte die dramatische Dynamik des Geschehens, die sich aufschwingende Hoffnung, Wendungen hin zu Zweifeln, Attacken der Gefahr, das aufbrechende Licht des Optimismus und den Sturz in die Tiefen der Niederlage wider – und dies in fünf Minuten und einundfünfzig Sekunden.
„Avicenna“ ist dem berühmtesten Philosophen und Naturwissenschaftler „des Islam und vielleicht aller Zeiten“ (George Sarton), Abū Alī al-Husayn ibn Abdullāh ibn Sīnā (980-1037), gewidmet – gestaltet mit sanften Saxofon-Gitarrre-Unisono-Läufen, (wahrheits)suchend, tastend, ...
Das Titelstück schließlich vermittelt im Ensemblespiel von Klarinette, Bassklarinette, Bass, Drums eine stakkato-artige Heiterkeit, die – nun auch kommt Gadós Gitarre ins Spiel – zu quirligen, lebendigen Verlockungen und Zweifeln führt, um im Duo von Saxofon und Gitarre einen Drachentanz zwischen Bedrohung und Verheißung zu gestalten – das Ende bleibt offen.
Gábor Gadós „Byzantinum“ – das ist kein Jazz. Das ist ein Fanal der Musikgeschichte.

Gábor Gadó: Byzantinum, BMC CD 137
Der Text von Miklós Dolinszky auf Deutsch in einer Grobübersetzung aus der alt-englischen Version hier.
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