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Montag, 18. Januar 2010

Zehntausend Schritte – die ersten zehn Jahre der ungarischen Kult-Rockband Omega


Am 23. September 1962 spielte die legendäre ungarische Band das erste Konzert unter ihrem eigenen Namen - wie alles begann: Die ersten zehn Jahre der Band


János Kobor 2007 (Foto: omega.hu)
Fan-Foto von etwa Ende 1971 (Archiv M. B.)

200 bis 400 Euro muss man schon berappen, wenn man ein Original ergattern will, und da ist noch nicht klar, ob man eins ranorganisieren kann – die Rede ist von der aller ersten LP der ungarischen Kultrockband Omega, die 1968 unter dem Titel „Omega Red Star“ bei Decca in London veröffentlicht worden war. Als diese Platte erschien, hatte die Budapester Rockband schon einige Jahre auf dem Buckel, denn gegründet wurde Omega während ihres ersten offiziellen Konzertes am 23. September 1962 im Universitätsklub der Technischen Hochschule (heute längst Universität) Budapest. Die Besetzung damals: László Benkõ (keyboards), János Kóbor (Gesang, Gitarre), András Kovacsics (Gitarre), István Varsányi (Bass), Péter Láng (Saxophon) und Tamás Künsztler (Schlagzeug). Omega, die damals ihren Namen von einem kurzentschlossenen Plakatmacher verpasst bekamen, der nicht so recht wusste, wie er die noch namenlose Gruppe ankündigen sollte, gehört damit gegenwärtig zu den ältesten noch aktiven Rockbands der Welt – die Rollings Stones, deren Gründungsdatum durch das Konzert im Marquee-Klub am 12. Juli 1962 markiert wird, sind nur etwa zwei Monate älter.

Dabei reicht die Omega-Vorgeschichte noch weiter zurück. Bereits 1959 hatten Kóbor, Kovacsics, Laux und Varsányi am Attila-József-Gymnasium sowie Benkö, Láng und Künsztler am Sándor-Petöfi-Gymnasium Schülerbands gegründet, die innerhalb Budapests herumtingelten; das Konzert am 23. September 1962 war dann so etwas wie ein Sich-zusammen-Finden.

In den Jahren danach wechselte die Besetzung und konsolidierte sich. Laux kam und ersetzte Künsztler, die bereits durch TV-Auftritte bekannte Zsuzsa Koncz gehörte kurzzeitig zu Omega, bevor sie zu Illés wechselte, als Sängerin stieg Mari Wittek ein, für Láng kam erst der Saxofonist László Harmath, der 1964 von Tamás Somló ersetzt wurde. Als Mari Wittek 1966 die Band verließ, wurde Kóbor Frontmann und Hauptsänger. Und 1967 schließlich wurde Varsányi zur Armee eingezogen und Tamás Mihály übernahm die Bassgitarre. Schließlich stieg noch im selben Jahr Gábor Presser ein, ein Jahr später gingen Kovacsics und Somló eigene Wege, mit György Molnár kam der neue Gitarrist. Seit 1967 gehörte noch eine junge Dame zum Team, die damalige Studentin Anna Adamis als Texterin, die das erste Jahr gezwungen war, unter dem Pseudonym István S. Nagy zu arbeiten, da Studenten als Texter nicht zugelassen waren.

Nach mehreren personellen Veränderungen hatte sich 1967 die klassische Omega-Besetzung herausgebildet: József Laux (dr), Tamás Mihály (bg), György Molnár (g), Laszló Benkö (tp, keyb), Gábor Presser (org, voc), János Kóbor (solo-voc).
Schon Ende 1964 war der Eötvös-Klub zu Omegas Hausklub geworden – damit war die Band in Ungarn ständig präsent. Ihren ersten Publicity-Höhepunkt erreichte Omega 1966, als hintereinander weg ihre ersten vier Singles erschienen, allesamt Einspielungen bekannter „westlicher“ Rock- und Pop-Hits: „Paint it black / Bus Stopp“, „Bend it / I put a spell on you“, „Little man / What now my love“ und „Sunny / No milk today“.

1967 hatten sie dann gemeinsam mit Zsuzsa Koncz einen Drei-Minuten-Auftritt im Film „Ezek a fiatalok“ („Ach, diese Jugend“) und sie wurden als Begleitband bei den Auftritten von Zsuzsa Koncz und Zsuzsa Pálos zum Tanzliedfestival gebucht.

Doch der entscheidende Impuls für den Durchbruch ging von einem gemeinsamen Konzert der Spencer Davis Group mit Traffic und mit Omega in Budapest aus. Daraufhin nämlich wurde Omega zu einer England-Tournee eingeladen. Die Ungarn gaben unter anderem Konzerte in London und hatten einen Auftritt im BBC-TV. Der Manager der Spencer Davis Group, John Martin, arrangierte eine Albumproduktion beim Londoner Label Decca, das der Gruppe den Namen „Omega Red Star” verpasste. Die Arbeiten an dem Album dauerten drei Tage lang, dann musste János Kóbor zurück nach Budapest, um Examensarbeiten zu schreiben. Das Album wurde in England klangtechnisch nie fertig abgemischt, Decca veröffentlicht es so, wie der Arbeitsstand gerade war, nämlich mit den Lead Vocals von Tamas Mihály unter dem Titel „Omega Red Star from Hungary“. Eine der später meistgesuchten Rockplatten aus dem Ostblock hatte das Licht der Welt erblickt, aber bei objektiver Beurteilung wird man einräumen, dass die späteren Omega-Platten künstlerisch weitaus hochkarätiger werden sollten.

Später in Ungarn wird das „Red Star“-Album fertiggestellt, aber nur einige Songs erschienen auf Singles.
Nach dem Erfolg in London veröffentlichte dann Omega die erste ungarische LP beim Label Qualiton unter dem Titel „Trombitás Frédi és a rettenetes emberek“ (Trompeter Fredi und die verrückten Leute) – für viele Rockfans aus der DDR die allererste „Ost“-Rock-Platte, die man ernstnehmen konnte. Die Platte, die auf das „Red Star“-Material zurückgriff, aber in ungarisch eingesungen wurde, verkaufte sich allein im kleinen Land Ungarn noch im selben Jahr über 100.000 mal und bescherte der Gruppe die erste goldene LP. Von da ab war Omega Kult. Alles weitere konnte den Kult nur noch festigen und erweitern.
Mit den LPs „10.000 Lépes“ (Zehntausend Schritte; 1969), „Ézakai országút“ (Nächtliche Landstraße; 1970) und der legendär in Aluminium verpackten „Elö Omega“ (Omega live; 1972) eroberte die Band einen Platz in Europas Rock-Olymp.
Die Ungarn-Rocker tourten durch Spanien, Finnland, Jugoslawien und Frankreich, gewannen mit „Gyöngyhajú lány“ (eigentlich wörtlich: Perlenhaariges Mädchen) Preise beim Barbarella-Festival in Palma de Mallorca und beim Yamaha-Festival in Tokio.

Im Zusammenhang mit der Preisverleihung veröffentlichte die japanische JVC das Stück als Single. Da allerdings nicht die ganze Gruppe nach Japan flog, wurde die Single mit Hilfe japanischer Studiomusiker eingespielt – als Interpret wies die Plattenhülle „János Kóbor und die halbe Omegaband“ aus.
Nur wenige Rockfans heute wissen, dass damals Omega auch andere Musiker inspirierte.

Die Melodie von „Gyöngyhajú lány“ (von Omegas LP „10000 Lépés“) wurde Anfang der 70-er Jahre in der DDR zu Frank Schöbels „Schreib es mir in den Sand“. Und auch die Scorpions hatten sich für ihren Welthit „White Dove“ bei diesem Omega-Song bedient.

Im April 1971 verließen Gábor Presser und József Laux die Band und gründeten die Supergroup Locomotive GT. Auch die Texterin Anna Adamis, mittlerweile Ehefrau von Laux, schrieb fortan für diese Band. Bei Omega stieg als Texter dafür Kóbors Schulfreund Péter Sülyi ein. Für Drummer Laux kam Ferenc Debreceni. Fast logisch, dass dann auf der 72-er LP „Elö Omega“ ein Song „Hütlen barátok“ (Untreue Freunde) enthalten war.

Das Erscheinen dieser LP war in dieser Weise eigentlich nicht geplant. Denn ursprünglich nahm Omega das Album „200 évvel az utolsó háború után“ (200 Jahre nach dem letzten Krieg) auf. Das aber wurde zensiert, wohl vor allem, weil die düstere Zukunftsvision von rein funktionalen Menschen („Schöne neue Welt“ und „Metropolis“ lassen grüßen!) im Titelsong den ungarischen Kultur-„Oberen“ nicht ins Konzept passte.

Stattdessen nahm die Band in Eigeninitiative eben das Album „Elö Omega“ auf – die LP mit dem berühmten Aluminium-Cover. Der Titel der LP („elö“ heißt auf deutsch „lebendig“, aber auch „live“) ist dabei doppeldeutig: Außer der Tatsache, dass es sich hier um einen Tournee-Mitschnitt handelt, demonstriert Omega mit der LP-Benennung, dass die Band trotz der Trennung von Presser und Laux weiterspielen („-leben“) wird – von da an viele, viele Jahre bis heute. Doch das ist dann eine völlig andere Geschichte...

Mathias Bäumel

Donnerstag, 8. Januar 2009

Mit Fermáta ist die weniger bekannte, aber beste Band des früheren „Ostens“ wieder aktiv

Fermáta heute und in den endziebziger Jahren. (Foto: www.fermata.sk)

Mit Fermáta ist die nicht allzu vielen Fans bekannte, dessen ungeachtet aber beste Progressiv-Rock-Jazz-Band des früheren „Ostens“ seit einigen Jahren wieder aktiv. Gemeinsam mit dem mystischen, in seiner künstlerischen Eindringlichkeit weltweit unerreichten Czeslaw Niemen aus Polen und den schmissigen, weit ausholende Melodien, deftige Gitarrenriffs und die große Rock-Show-Gestik liebenden ungarischen Omega bildete die slowakische Band Fermáta mit ihrer kompositorischen, jazznahen Feinsinnigkeit, den rockjazzig-gitarristischen Qualitäten und ihrem künstlerischen Konzept, das sich Jahrzehnte dem herkömmlichen Rock-, Pop- und Jazzmarkt verweigerte, die große Dreiheit der Rockmusik hinter dem einstigen „eisernen Vorhang“.

Die seit 1973 existierende Band aus Bratislava war von Anfang ein Sammelbecken slowakischer Top-Rockmusiker. Chef und Gitarrist František Griglák kam von Pavol Hammels Band „Prudy“, der allerersten slowakischen Pop-Rock-Band überhaupt (Hit „Abrakadabra“), zu der auch Fedor Frešo, später dann Fermáta-Bassist, gehörte. Nachdem Griglák von 1971 bis 1972 mit seinem E-Gitarrenspiel den anfangs eher hausbacken-possierlichen Klassikrock-Sound von Collegium Musicum mit Spannung und Dynamik versehen hatte (er spielte Gitarre auf dem berühmten weiß-blauen Doppelalbum „Konvergencie“, auf dem auch Fedor Frešo mitgewirkt hatte) , gründete er 1973 gemeinsam mit Tomaš Berka seine Gruppe Fermáta. Frešo, bis Ende der siebziger Jahre der Standardbassist von Collegium Musicum, stieß dann 1980 dazu.

Griglák erinnert sich: „Ich verließ Collegium Musicum, weil meine Vorstellung von Musik sich von den Vorstellungen in der Band unterschieden, außerdem konnte ich mich mit meinen künstlerischen Ansprüchen gegen einen solch dominanten Solisten wie Marián Varga, den Chef und Keyboarder von Collegium Musicum, nicht durchsetzen.“ Und das wollte Griglák auf jeden Fall, denn sein musikalischer Horizont war viel weiter als der von Varga und nicht nur auf die bombastrockige Umsetzung von Barock- und Romantik-Mustern orientiert. „Fermata“ heißt Griglák zufolge „Bus- oder Straßenbahnhaltestelle“ auf italienisch, und im Hinblick auf den Bandnamen bedeute es „Stopp, wenn man mir als Musiker übel nachredet – bis hierher und nicht weiter! – Fermáta!“ Griglák, der sich damit offenbar auf die Verhältnisse innerhalb der Band Collegium Musicum bezog, machte ab da sein eigenes Ding!

Die Band hatte 1975 ein vielbeachtetes Debütalbum („Fermáta“), das Einflüsse von King Crimson und John MacLaughlin ebenso erkennen ließ wie eine Vorliebe für konzeptionell gestaltete Alben, eine Tendenz, die mit den darauf folgenden LPs noch viel deutlicher wurde. Entdecker, die sie selber waren und sind, machten die Musiker um Griglák und Berka Entdeckerisches zum thematischen Mittelpunkt ihrer Konzeptalben. Ent-Deckungen, also das Sicht-, Nutz-, Urbar- und Heimischmachen von bisher unbekannten Gefilden als musikkonzeptionelles Prinzip – das machte von Anfang an Fermáta zu etwas Besonderem.

Das zweite Album („Piesen z Hôl'“, 1976) unternimmt symbolisch und musikalisch Reisen durch slowakische Natur- und Brauchtumslandschaften, streunt durch einsame Täler und über letztmalig abgehaltene Märkte, besucht eine Hochzeit auf einer Bärenwiese und lauscht den klingenden Glocken des Städtchens Zvolen – alles selbstverständlich im harten Rockgewand, mit volksmusikantischen Elementen, die wie ferne Erinnerungen aufklingen, und jazzigen Improvisationen auf Top-Niveau.

Insbesondere mit ihrem dritten Album – „Huascaran“ (1977) – erreichte Fermáta einen Kultstatus wie kaum jemals eine weitere Band der früheren ČSSR. Die Band – seit jener Zeit im Volksmund als „Mahavishnu Orchestra des Ostens“ bezeichnet – brillierte mit einer ganz eigenen Stilistik, die man mit Begriffen wie Progressive Rock, Hard Rock und Jazz-Rock, aufgemischt und durchdrungen mit den melodisch-motivischen Essenzen slowakischer Folklore, umreißen könnte. Spätestens von dieser Platte an hatte Fermáta nicht nur ihre eigene Ursprungsband Collegium Musicum, sondern überhaupt sämtliche Art- und Prog-Rockbands inklusive Emerson, Lake and Palmer künstlerisch weit hinter sich gelassen! Allerdings – typisches Schicksal – von der westeuropäischen Öffentlichkeit völlig unbeachtet... »Huascaran« war eine außerordentlich beeindruckende Platte, voller Rockwucht und weit ausgreifender Melodien... Gewidmet ist das Werk einer tschechoslowakischen Hochgebirgsexpedition, die am 31. Mai 1970 am peruanischen Huascaran, dem mit 6768 Metern vierthöchsten Berg Südamerikas, tragisch endete: die 15-köpfige Bergsteigermannschaft wurde bei einem Bergsturz unter meterhohen Geröllmassen begraben. Entdecker-Thematik – diesmal tragisch.

Ent-Deckungen historischer Art bilden den thematischen Rahmen der LP „Dunajská Legenda“ (1980): Hier stehen mit Wlkina, Chotemir, Witemir, Unzat und weiteren jene altslawische Fürsten aus dem 9. Jahrhundert im Mittelpunkt, die wichtig für die Christianisierung des Gebietes zwischen dem Plattensee und der heutigen Slowakei vor der Landnahme durch die Ungarn waren – jedem dieser Ur-Slawen ist eine Komposition gewidmet, wobei das Gesamtwerk durch große stilistische Vielfalt besticht: von energetischem Jazzrock mit faszinierenden E-Gitarren-Improvisationen über lyrische, neo-romantische Passagen bis zu deftigem, intelligenten Funk und Art Rock ist alles dabei.

Um geografisch größere Zusammenhänge geht es auf der fünften Fermáta-LP „Biela Planéta“ (1980). Der weiße (nicht etwa blaue) Planet stellt die Erde als einen Ort dar, der noch unentdeckt und unerforscht ist („weiße Flecken“), die zupackende, abwechslungsreiche, teils songartige, immer mit faszinierenden Gitarren-Soli durchwirkte Musik ist denjenigen gewidmet, die in früheren Zeiten entscheidend mitgeholfen haben, aus dem weißen Planeten das zu machen, was er heute ist: unsere Erde. Es geht um die großen Entdecker James Cook, Vasco da Gama, Christoph Kolumbus, Ferdinand Magellan, David Livingstone und weitere.

Anfang der 80-er Jahre zeichneten sich Veränderungen ab. Griglák: „Wir fühlten uns damals unter Druck, weil unsere Musik für normale Hörer zu anspruchsvoll war.“ Mit der LP „Generation“ (1981) deuteten sich Veränderungen in Richtung Pop an – trotz des auf dieser Platte enthaltenen grandiosen Titels „Viňa Del Mar“, den die Band auch heute immer noch mit Erfolg spielt. Griglák weiter: „Von Anfang an sind wir in der Öffentlichkeit – nicht vom harten Kern unserer Fans – dafür kritisiert worden, dass wir nur instrumentale Stücke spielen.“ So wollte die Band damals etwas für sie Neues ausprobieren und spielte nun ein Album ein, das nach dem Allerweltsmuster „Rockgruppe inklusive poppiger Rockgesang“ gestrickt war – „ad libitum“ (1984), dessen Veröffentlichung František Griglák im Nachhinein für einen Fehler hält. Auch die folgenden Alben bis in die Mitte der 90-er Jahre hinein („Simile...“, 1991; und „Real Time“, 1994) konnten nicht die Qualität der früheren Fermáta-Werke halten.

Erst „X“ (1999), das 10. Album der Bandgeschichte, weckte wieder Hoffnungen, dass die Band an alte künstlerische Größe wieder anknüpfen könnte.
Schon seit Beginn der 80-er Jahre hatte es etliche Besetzungswechsel bei Fermáta gegeben, über einige Jahre existierte die Band quasi nicht. Einige neue Versuche, zu Beginn und zum Ende der 90er Jahre, scheiterten relativ schnell.

Eine Art Neustart fand 2005 mit dem Album „Next“ (2005) statt. Als CD-Autor ist „Fero Griglák & Fermáta“ angegeben, was die besondere Rolle des Supergitarristen und Komponisten herausstreicht, obwohl für das Wiederaufleben der Band Ur-Mitglied, Bassist und Manager Fedor Frešo organisatorisch eine entscheidende Rolle spielte.
Und seit Herbst 2007 ist Fermáta auch auf den Bühnen der Slowakei und Tschechiens wieder zurück. In der Besetzung František Griglák (g, prog), Peter Preložnik (keys), Fedor Frešo (b, b-ped) und Igor Skovay (dr) gab die Band am 14. Oktober 2007 im Zrkadlom-Club in Bratislava, Slowakei, ein vielumjubeltes Konzert, das nun seit einigen Monaten auf CD und DVD (übrigens als erstes Live-Album in der mittlerweile über 35-jährigen Bandgeschichte) vorliegt („Fermáta Live v Klube za zrkadlom“).

Hervor sticht der Titel „For Huascaran“, eine Essenz des 39-minütigen Konzeptalbums aus dem Jahr 1977. Im Anschluss folgen alte und neuere Stücke. Fermáta klingt heute nicht mehr wie 1975. Der Anteil sinfonischer Strukturen ist gegenüber Jazzrock oder Jazz-Fusion, der mal heftiger, mal leichter und luftiger sein kann, in den Hintergrund getreten. Die Band klingt für heutige Ohren im Sound mehr wie eine harte Rockband mit 80-er-Synthi-Touch, hinsichtlich der musikalischen Strukturen aber ziemlich jazznah. František Griglák ist als Gitarrist ungemein souverän, seine stilistischen Fertigkeiten und handwerklichen Mittel sind grandios, er kann Jazz, Rock und Jazzrock locker, sanft und hart spielen, hat ein Faible für ausgedehnte, flüssig gespielte, harmonisch abwechslungsreiche Soli.
Das neuere Material ist etwas melancholischer, lyrischer, der Jazzrock hat manchmal einen Latino-Einschlag, die heutige Fermáta-Band spielt die Songs nicht, wie sie auf den originalen Alben enthalten sind. Auf der Bühne fließen lange, expressive Soli und Improvisationen ein, ohne dass die Stücke dabei überaus lang würden. Von den späteren Stücken überzeugt gerade im Live-Konzert das grandiose Griglák-Stück „Viňa del Mar“, dessen Live-Zelebrierung zum Erlebnis wird. Die einzige und erste Fremdkomposition in der Geschichte Fermátas, die die vier im Konzertprogramm haben und die auf der 2007-er Live-CD enthalten ist, stammt aus der Feder Dežo Ursinys, von dessen grandiosem 1972-er Album „Provisorium“: „Apple Tree in Winter“. Das Stück spielt Fermáta in Gedenken an den 1995 verstorbenen Doyen der slowakischen Rockmusik, mit dem einst Fedor Frešo von 1967 bis 1968 in der Band The Soulmen gemeinsam gespielt hatte. Was im 1972-er Original bei Ursiny selbst ein zerbrechlich klingender, fein ziselierter, kammermusikartig gebauter Rocksong mit Beatles-Anklängen und Robert-Wyatt-Touch ist, wird heute bei Fermáta in völlig anderem Arrangement und strukturell verändert zu einem Hohelied auf kraftvoll-melodischen Gitarrenjazzrock.

Mathias Bäumel
(Dank an Volkmar Mantei)

PS.: Deutschlandpremiere! Fermáta gibt am Donnerstag, den 26. März 2009, in Dresden ein Konzert im Dresdner Universitätsklinikum. Es ist das allererste Fermáta-Konzert in Deutschland überhaupt, auch in der DDR konnte die Band nie auftreten.

Achtung: Am 11. Oktober 2012 ist diese Aussage hier korrigiert worden!