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Dienstag, 13. Oktober 2015

Spielstättenprogrammpreis 2015 zum dritten Mal in Folge für Dresdner Jazzclub Tonne

Seit 2013 wird der Spielstättenprogrammpreis Rock, Pop, Jazz von der Initiative Musik – der Fördereinrichtung für aktuelle Musik der Bundesregierung – verliehen. In diesem Jahr erhielt er den griffigen Namen APPLAUS (kurz für: Auszeichnung der Programmplanung unabhängiger Spielstätten)

Der Jazzclub Tonne e.V erhält den Preis bereits zum dritten Mal in Folge in der Kategorie eins (Spielstätten mit mehr als einer Veranstaltung pro Woche). Erneut wird damit das herausragende Live-Musik-Programm des Clubs gewürdigt. Der APPLAUS 2015 ist in der Kategorie eins mit 30.000 Euro dotiert. Er wurde am Montagabend in München von Kulturstaatsministerin Monika Grütters übergeben.

Das Preisgeld wird die Tonne auch in diesem Jahr für die weitere Programmgestaltung einsetzen. Gleichzeitig soll das Geld auch in die technische Ausstattung des Clubs fließen, der gerade in eine neue, größere Spielstätte umgezogen ist und am 17. Oktober die Räume im Gewölbekeller des historischen Kurländer Palais in Dresden Altstadt erstmals öffnet. Der Künstlerische Leiter der Tonne, Steffen Wilde, zum Preisgewinn: „Wir möchten ein großes Publikum für Jazz und seine angrenzenden Genres begeistern. Den Preis jetzt schon zum dritten Mal zu erhalten ist eine wunderbare Auszeichnung für unsere Arbeit."
In der Tonne in Dresden treten jährlich etwa 200 Bands bei mehr als 120 Konzerten auf. Der Jazzclub ist damit einer der wichtigen Spielorte für Musiker, die neue Spielformen entwickeln und die besondere Atmosphäre und Nähe zum Publikum, die der Club bietet, suchen.

Natürlich wird der Preis standesgemäß mit bester Musik und Freibier in der Tonne gefeiert – die Party steigt am 24. Oktober, bei den Konzerten mit Echo Jazz-Preisträger Studnitzky und seinem Quartett und der britischen Band Get The Blessing. Beide treten im Rahmen des "jazz 'n' beats"-Festivals auf, einer Kooperation der Tonne und der Agentur Dynamite Konzerte, die gestern Abend zu den Applaus-Gewinnern in der Kategorie drei zählte. Der gemeinsame Abend bietet von 19 Uhr bis weit nach Mitternacht insgesamt sechs Ensembles an zwei Orten (Tonne im Kurländer Palais und Lab 15, Meschwitzstraße 15 in Dresden). Zwischen den Locations sorgt ein Shuttle-Service für den schnellen Ortswechsel.

(Presseinformation der »Tonne« vom 13. Oktober 2015)

Montag, 27. Juli 2015

Eine Ahnung, wie Dresdner Dixieland tickt …

(Ur-Ramblers vor der Kneipe Elbfrieden, Aufnahme ungefähr 1955. Foto: Archiv Werner)

Klaus Wilk veröffentlichte ein Buch zu den Elb Meadow Ramblers zum 60. Geburtstag der Band

Nahezu jeder durstige Dresdner kennt den auf den Elbwiesen gelegenen »Fährgarten Johannstadt«. Kaum einer jedoch weiß, dass dieser Biergarten auf musikgeschichtlich »heiligem« Boden liegt. Nämlich in den Räumen der einstigen »Volksgaststätte Elbfrieden« (was für ein Name!), der Vorgängereinrichtung des Fährgartens, gründeten enthusiastische Musiker am 13. März 1955 die wohl älteste und international bekannteste Dixieland-Gruppe Dresdens. Im Bandnamen klingt noch heute der Gründungsort an – bei der Gruppe handelte es sich um die, die sich auf den Elbwiesen herumtreiben: die Elb Meadow Ramblers.

Viele weitere Details zu diesem Gründungsgeschehen hat nun Klaus Wilk in seinem Buch »Elb Meadow Ramblers«, Notschriften Verlag Radebeul 2015, veröffentlicht. Der Hardcover-Band des früheren ADN-Journalisten ist jedoch nicht nur den unmittelbaren Gründungsjahren gewidmet; er ist eine umfangreiche, mit vielen Dokumenten, zig Fotos, anschaulichen Plakaten, historischen Zeitungsausschnitten, authentischen Erinnerungen und biografischen Fakten angefüllte Stoffsammlung rund um die Elb Meadow Ramblers. Erschienen ist die faktenreiche Veröffentlichung aus Anlass des 60. Geburtstags des Ensembles 2015.

Dabei zeichnete Wilk den Weg der Band nach, der diverse personelle Umbesetzungen enthält und von vier Stilwechseln (wie der einstige Drummer Samba Werner hervorhob) gekennzeichnet ist. Drei eigenen CDs, viele Aufnahmen auf Samplern sowie Mitschnitte von Auftritten für Funk und Fernsehen dokumentieren sechzig Jahre unermüdliches Dixieland-Musizieren, in denen es zu sage und schreibe etwa 3000 Konzerten bzw. Auftritten kam.

Das Buch beschreibt in sympathischer Weise das Innenleben der Band, es ist ein Erinnerungsbuch für alle, die dabei waren, die sich als Mitglied der Ramblers-Familie fühlen und als Insider gelten können. Analysen von Musikstücken, Interpretationen und Improvisationen oder Vergleiche etwa mit Spielweisen anderer Dixielandbands sollte man nicht erwarten.

Immer wieder erwähnt wird die menschliche und personelle Verbundenheit der Ramblers mit dem Dixielandfestival und mit der Entstehung der damals jungen IG Jazz, deren Einzug in die Kellergewölbe unterm Kurländer Palais und des späteren Jazzclubs Tonne.

Alles in allem hat hier Klaus Wilk mit seinen Helfern eine umfangreiche Stoffsammlung geschaffen, die unverzichtbar für all jene ist, die aus der Innensicht wissen wollen, wie Dixieland-Dresden und diese Band »ticken«. Danke!

Mathias Bäumel

Klaus Wilk: »Elb Meadow Ramblers«, Notschriften Verlag, Radebeul 2015, 176 Seiten, ISBN 978-3-945481-19-6, Preis 14,90 Euro.

Samstag, 8. November 2014

Posaune mit »fast digitalem« Klang

Mit einem abgebrochenen Konzert zum Mauerfall am 9. November 1989 begann die künstlerische Laufbahn von Günter Heinz als Ensemblechef


9. November 1989. Ein kleines Jazzfestival in Berlin, im Filmtheater »Babylon«, nur wenige hundert Meter von der Berliner Mauer entfernt. Günter Heinz hat sein erstes Jazzkonzert mit einer eigenen, von ihm selbst geleiteten Band (»Günter Heinz Quartett«) .
»In jener Nacht trafen sich Vorgesehenes und Unvorhersehbares, persönlicher Erfolg und Geschehen von Weltgeschichte«, erinnert sich Günter Heinz. »Während die Musiker vertrackte melodische und harmonische Wendungen erfanden, die Zuhörer staunten, doch nebenher, manche auch hauptsächlich, den neuesten Meldungen aus mitgebrachten Kofferradios lauschten«, so Heinz, »geschah, was viele gehofft und nur wenige geahnt hatten: die Mauer fiel!« Heinz weiter: »Nach dem Konzert – eigentlich stand noch der amerikanische Pianist Walter Norris auf dem Programm – leerte sich der Saal des Filmtheaters Babylon in wenigen Augenblicken, auf der Bühne spielte noch ein einsames, verlassenes Radio.« Auf diese Weise erfahren Heinz und seine Mitmusiker, was geschehen war. »Doch die Instrumente konnten wir nicht allein lassen. Erst spät nachts, noch nicht begreifend, kam ich nach Hause. Aber es war beeindruckend: Die gesamte Stadt war hell und voller Leben.« Dieses besondere, einen historischen Wendepunkt akustisch markierende Konzert hat Rigobert Dittmann 2002 in einer dem Bad Alchemy-Magazin 40/2002 beiliegenden Single in Ausschnitten dokumentiert; die Aufnahmen verdeutlichen eindrucksvoll die Spannung jenes Moments.

Erst etwa einen Monat zuvor – am 8. Oktober 1989 – hatte Heinz, der in Berlin aktiv an den Vorbereitungen der Großdemonstration für eine Demokratisierung der DDR (4. November 19989 auf dem Alexanderplatz) beteiligt war, seinen ersten Auftritt in Dresden gehabt; er trat in der »Tonne« im Ensemble von Hannes Zerbe beim Konzert »Spielauffassungen im Vergleich« auf und war dadurch ganz unmittelbar von den Demonstrationen in Dresden betroffen, denn viele Musikfreunde kämpften sich zu Fuß von Hauptbahnhof und Prager Straße kommend in den Kellerklub, andere schafften es nicht, bis dahin durchzudringen.

Seither ist Günter Heinz, dessen Karriere als freiberuflicher Musiker bereits 1987 begann, nachdem er zuvor als promovierter Mathematiker an verschiedenen Universitäten tätig war und improvisierte Musik »nebenher« spielte, als Improvisationskünstler, Komponist und Ensemble-Leiter in ganz Europa und sogar den USA unterwegs; seinen Lebensmittelpunkt verlegte er Schritt für Schritt nach Dresden und in ein kleines Dorf bei Freiberg.
Obwohl er in all den Jahren immer wieder zu seinen Instrumenten Posaune, Flöte und Zurna, einem arabischen Holzblasinstrument mit Doppelrohrblatt, und damit zu »lungengemachter« Musik zurückkehrte, spielte der Einsatz von moderner Elektronik für Heinz zunehmend eine größere Rolle. Damit gehört Günter Heinz zu den nicht allzu vielen Improvisationsmusikern, deren Kunst von einer Balance zwischen akustisch erzeugter und digitaler Musik geprägt ist.

1992 bekam Günter Heinz ein Stipendium für einen einjährigen Aufenthalt im Elektronischen Studio Basel. Der dortige Studioleiter Thomas Kessler hatte Heinz 1991 bei einem Konzert in Luzern gehört und fand dessen Posaunenklang »fast schon elektronisch«. Von Basel aus entstanden viele Kontakte und Auftritte, in Moskau, Florida, Malta und Sardinien, ja sogar – einen Kreis schließend – bei einem Schweizer Konzert in der Akademie der Künste in Berlin.
Es folgten Projekte mit Gunnar Kristinsson (Icelandic Sound Company) und Arthur Clay, die Günter Heinz ebenfalls in Basel kennengelernt hatte, z.B. in den Alpen beim Schweizer Tonkünstlerfest, in Victoria BC und aktuell ein Projekt beim Festival Virtuelle Switzerland. Auch gemeinsame Auftritte und CD-Aufnahmen mit dem European Powerbook Ensemble, ein Duo, das das italienische System M.A.R.S. (Musical Acoustic Research System) nutzt, um Klangtransformationen in Echtzeit zu realisieren, ließen die »Kenner« mit der Zunge schnalzen.

Es gab viele CDs, Konzerte und Performances mit weiteren Musikern, Tänzerinnen und Videokünstlern sowohl in Klubs, Galerien als auch in Kirchen, große Projekte wie das 2007 im Festspielhaus Hellerau aufgeführte multimediale Wittgenstein-Projekt sowie »Digging the Mine« 150 Meter unter der Erde im Freiberger Silberbergwerk, aber auch die Kooperation mit den Pionieren der audiovisuellen Elektronikkunst, Eric und Mary Ross aus den USA. Es folgten aber auch Lehraufträge in Malta, wo er der deutsche Vertreter beim 1. Computermusik-Festival war, und in Sardinien.
Dass er hier in Dresden seit vielen Jahren als künstlerischer Leiter des Festivals Frei Improvisierte Musik tätig ist, sollte nicht vergessen werden.

Nun, etwa ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall, spielte Günter Heinz gemeinsam mit dem Erlanger Pianisten und Organisten Klaus Treuheit zwei Konzerte »Against the Walls« in Freiberg und in Dresden, ein drittes unter diesem Motto am 7. November 2014 (19.30 Uhr) mit Veryan Weston (Piano) und Roger Turner (Schlagzeug) in der Citykirche Wuppertal. »Hier spiele ich erstmals außerhalb meines Wohnortes auch ganz offiziell an einer Kirchenorgel«, freut sich der Künstler.

Exakt zum Jubiläum des Mauerfalls , am 9. November (19 Uhr), gibt es in der Region das nächste Günter-Heinz-Konzert – in der Dorfkirche Kleinwaltersdorf bei Freiberg., diesmal im Duo mit dem Cellisten Adam Webster (Liverpool/ Breslau). Eintritt: 8 (ermäßigt 5) Euro.

Mathias Bäumel
(Foto oben: Hans-Joachim Maquet)